Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 18,2.1905

Seite: 242
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart18_2/0288
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
dern Spieltrieb anheim, der Luft am Fabulieren, werdeu Märchen in
unserem Sinne. Desto mehr freilich auch verlieren sie den Wert
hoher Kunst, denn die bleibt bei dem, woraus auch die Märchen einst
hervorgingen, beim Bannen, beim Wirken, beim Schafsen und Besehlen.

Wir fassen zusammen:

Die natürliche Form der Erzählung ist antinatura-
listisch. Sie ist so weit davon entfernt, eine möglichft genaue Wie-
dergabe der Wirklichkeit zu sein, daß sie sich eher absichtlich von ihr unter-
scheidet. Sie will nicht die Wirklichkeit geben, in deren verwirrendem
und verworrenem Geflecht der Mensch ohnmächtig ist, sondern die, über
welche er Macht ausüben kann. Sie gibt also den Reflex der gewöhn-
lichen Welt in einer bedeutungsvollen psychischen Wirklichkeit.

Jhre älteste und eigenste Form ist die der Vorbereitung für eine
Beschwörung. Die dafür wichtigen Züge sind die Hauptzüge der Er-
zählung. Sie diktiercn ihren Gang.

. Und wir nun meinen auch, daß die Dichtung nur insoweit ihre
hohe Stellung im Leben wieder zurückgewinnen wird, als Menschen
sich ihrer bemüchtigen, die uns etwas zu sagen haben. Nicht: ,,die
Dichtung soll", „die Kunst soll". Die, welche uns mit ihren verschie-
denen erotischen und sonstigen Schmerzen bekannt zu machen wünschen,
sollen das nur weiter tun, es wäre gar nicht schön, wenn sie zu
philosophieren oder Religionen zu gründen begännen. Sie mögen nur
mit dem Publikum zusrieden sein, an das sie durch ihre Gaben und
die Art und Form ihres Seeleninhalts sich gewiesen fühlen und sollen
der Kritik dankbar sein, die ihnen diesen Verkehr vermittelt. Und
sollen erlauben, daß wir inzwischen auf die warten, die etwas zu
sagen haben, die das Schicksal nicht photographieren, sondern schasfen
oder bannen. Bonus

Vruekner a?s Melsäiker

Das Wort Melodie wird unter all den musikalisch-technischen Aus-
drücken am meisten im Munde geführt. Man pflegt zuerst das Melodiöse
an dem Werk zu loben, das einem gefällt; und es Pslegt auch meist der Reiz
der Melodie zu genügen, damit ein Werk in der Breite gesalle, ob es nun selbst
nur diesen einen Reiz habe, oder ob der Zuhörer sich mit der Erkenntnis
dieses einen Vorzuges bescheide. Wenn nun von gewichtigster Seite das
Wort gesprochen wurde: „außerhalb der Melodie kein Heil", so erhellt vollends,
daß hier der Laie und der Musiker sich verstehen. Sollte man also nicht
meinen, daß wenigstens in diesem einen Hauptpunkt auch über einen Kompo-
nisten ein schönes Einverständnis herrschen müsse? Die Tatsachen beweisen
das Gegenteil: sie lehren, daß zwar jeder, der Musik genießen will, Melodie
verlangt, daß aber über das, was melodiös sei, die verschiedensten Meinungen
herrschen.

Jm allgemeinen ist man geneigt, als Melodie das zu empfinden,
was sich leicht einprägt. Daß dazu eine gewisse Kürze, leichte Verständlich-
keit der musikalischen Wendungen gehört, leuchtet ein. Aber schon hier
sind durchaus relative Begrisfe nnvermeidlich. Denn was dem Geübten
als leicht übersichtlich in einem schönen Zusammenhang erscheint, das sällt
dem Ungeübten auseinander, er begreist es nicht, fast in wörtlichem



2H2

Runstwart XVIII, 17
loading ...