Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,1.1907

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Iahrg. 20 Zweites Ianuarheft 1907 Heft8


Vier Denkmäler

Auf der Landstraße von Erfurt nach Weimar halten mich zwei
junge Wandrer an; fie zeigen nach dem hellen turmartigen Bau
auf dem Ettersberge und fragen: Was ist das für ein Denkmal?
Ich antworte: Ein Bismarckturm. — Sofort sehen die Gefichter der
Wandrer gelangweilt aus, und ich habe ein Gefühl der Scham,
wie ich weitergehe.

Die Bewertung Bismarcks steht hier nicht in Frage. Sondern
dies: meine Wandersleute kamen von Apolda oder Iena: dort haben
sie Bismarcktürme gesehen; sie ziehen weiter nach Erfurt, Gotha,
Eisenach: dort werden sie wieder Bismarcktürme sehen; ich glaube
wenigstens. Welchen besonderen Eindruck soll ihnen da der Bismarck-
turm auf dem Ettersberge machen? Hätte ich antworten können: das
ist der Napoleonsstein oder die Goethe-Warte, dann wären sie nicht so
schnell weitergezogen, und ich hätte ihnen etwas sagen können, was
jenen Bau an dieser Stelle zum Denkmal gemacht hätte. Ich hätte
gesagt: vor hundert Iahren zerschlug Napoleon auf jenen Höhen im
Osten den preußischen Kriegsruhm, ja, beinahe den preußischen Staat;
zwei Iahre später versammelte er zwei Stunden westlich von uns, in
Erfurt, sast alle Fürsten Europas als seine Vasallen; und bei dieser
Gelegenheit mußte ihm auch unser braver weimarischer Karl August
dort oben am Ettersberge ein Fest, eine Iagd, geben. Totgeschlagen
hätte er ihn lieber, und sein Förster im Lttersberge soll auch schon
die Flinte geladen haben, um den Herrn der Welt niederzuschießen.
Aber Napoleon zog siegend weiter fort, bis unseres Goethes Wort
eintraf: „Ls hat der Mensch, er sei auch, wer er mag, ein letztes
Glück und einen letzten Tag." Es kam der Tag, wo derselbe Na-
poleon auf der Flucht von Rußlands Schneefeldern durch Weimar
eilte, unerkannt, versteckt sein wollend, nur von seinem Mamelucken
Rustan begleitet. Diese selbe Straße, wo wir stehen, die er wohl
drei-, viermal an der Spitze seiner Heere gezogen ist, sauste nun
sein Schlitten nach Westen, den letzten Versuchen zu, seine Macht
zu retten. Zu gleicher Zeit einigten sich aber die Deutschen zum
ersten Male gegen fremde Herrschsucht. Nnd so erzählt der Napoleons-
stein nicht bloß von deutscher Not, sondern auch von der Erhebung
aus tiefster Not.

Wäre das auf dem Lttersberge aber eine Goethe-Warte, so
könnte ich dem Wanderer von den ersten Aufführungen der „Iphi-
genie" in jenem Walde berichten: Goethe-Orestes, Karl August-Py-
lades, Corona Schröter-Iphigenie. Oder von Gedichten, die Goethen
dort am Waldessaume kamen: „Der du von dem Himmel bist," oder
von Gedanken, die er gegen Eckermann aussprach, wenn er dort
Ausschau hielt nach Gotha zu, wo er die erstaunten prinzlichen Knaben
nur als blonde Semmelköpse behandelt hatte, oder nach Ilmenau
zu mit seinen vielen Erinnerungen an Iugendübermut und irriges
Streben, oder über die nächsten Täler hinweg, wo einst Meer war

2. Ianuarheft B07 qz?
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