Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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Beifpiel — um vom Raum zu (prechen — in ihm alle Verrichtungen ausführen
kann, für die er dienen foll, ohne behindert oder geftört zu fein. Die pfy-
chifche Zweckmäßigkeit ift erfüllt, wenn der Raum oder Gegenftand in feinen
Mafjen, feiner farbigen Behandlung und fonftigen Ausftatfung dem Wefen
der Handlung entfpricht, die in ihm oder mit ihm vorgenommen werden foll.
Ein Wellblechfchuppen ift zur Abhaltung von Gottesdienft vielleicht grofj
genug, hinfichtlich des pfychifchen Zwecks ift er ungenügend. Ein Zimmer
mit Sammetmöbeln und Smyrnateppichen ift auch ftimmungsmäfjig als Ope-
rafionsraum nicht geeignet.

Dasfelbe gilt vom Hausrat. Er kann ganz nackt und ohne den geringften
Grad einer Veredelung feiner Erfcheinung geftaltet fein, den lerjten Anforde-
rungen wird er erft genügen, wenn auch fein Äufjeres feinem Zweck entfpricht,
das heifjt, wenn er gleichfam denjenigen Anzug trägt, der zu feiner Funktion
am beften pafjt. Ein Koch im wollenen Sweater, ein Hausmädchen in durch-
brochener Seidenrobe, ein Reitknecht in Lackfchuhen find unmöglich, weil
ihre Kleidung nicht nur unpraktifch, fondern auch in der Erfcheinung wider-
finnig ift. Ein Luxusautomobil für Stadtgebrauch wird man nicht mit einem
Anftrich für Kriegsgebrauch verfehen, obwohl diefer Anftrich wahrfcheinlich
dauerhafter ift.

Vom qualitätsvollen Gegenftand aus der Hand des Handwerkers oder Kunft-
kandwerkers follte gefordert werden, dafj er phyfifch und pfychifch feinen
Zweck erfüllt. So kann felbft ein fcheinbar überornamentierter bronzener
Türgriff im Schlofj zu Verfailles, feiner repräfentativen Rolle entfprechend,
als in jeder Beziehung vollendet bezeichnet werden.

Zur Qualität gehört aber auch noch ein drittes, nämlich dafj der Charakter
der Form den in der Zeit lebendig wirkenden Strömungen und Lebensge-
fühlen Ausdruck verleiht. Ein in unferer Zeit noch fo folide und fchwungvoll
geftalteter Rokokoleuchter kann deshalb noch keineswegs als wahre Quali-
tätsarbeit gelten. Denn er ift Ausdruck eines vergangenen Lebensgefühls und
läfjt als folcher gerade das in feiner Erfcheinung vermiffen, was ihn pfychifch
zu einem guten modernen Gerät macht. Wenn es uns verboten wäre, Haus-
gerät mit Mafchinen herzuftellen, wäre dann das Kunfthandwerk imftande,

wirklich moderne Qualitätsgegenftände zu fchaffen? Faft könnte man es be-
Der Turm des Frankfurter Domes am Lichtfeft . _ . .. .r. . , .. , . . . . . ..

Eines der nächften Hefte: LICHT und LICHT- zweitein. hs konnte dem Ziel vielleicht nahe kommen; aber das, was die

REKLAME IN DER GROSSTADT Mafchine in die Welt gebracht hat, das Gradlinige, Kantige, Zielftrebige,

Eilige, das Geometrifch-Reguläre, das Konftruierte, Abftrakte - alles das
lärjt fich fchliefjlich auch nur mit der Mafchine wieder geftalten. Gegenftände,
die aus der zärtlich baftelnden Arbeit der Hand entftammen, ftrahlen eine
gewiffe Geruhfamkeit aus. Diefe kann uns als Gegenfarj zur allgemeinen
Eile gelegentlich wohltun, fie kann aber auch den Ausdruck der Schwerfällig-
keit und nachteiligen Beharrens vermitteln. Dann ift fie peinlich. Der tech-
nifche Menfch kennt diefe Behaglichkeit des Ausdruckes nicht. Schon durch

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