Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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UM DIE NEUE GESTALTUNG

RUSSLAND

Moderne Bauten in Moskau

Von Architektin Dipl. Ing. Leonie Pilewski.

Das Moskauer Stadtbild ift voll von Gegenfärjen. Die Altftadt, die
fogenannte Chinefenftadt „Kitajgorod", ein malerifches Gewirr an
krummen Gäuchen, bunten Häufern, Kirchen mit Zwiebeltürmen
— man fpürt den Hauch von Mittelalter und die Nähe von Alien —.
Die neueren Stadtteile aus dem XIX. Jahrhundert, ein Chaos
von erdgefchoffigen Holzhäufern in archaifchen, byzantifchen For-
men, aus deren Mitte ganz plötjlich hohe maffive Mietskafernen
herausragen. An einigen Strafjen Moskaus hat der Jugendftil in
feiner fchrecklichften Form gewütet, daneben haben Architekten
der zariftifchen Zeit alle Elemente der vorangegangenen Stil-
perioden verwendet. Rufjland war vor der Revolution in tech-
nifcher Hinficht ein ganz rückftändiges Land und hatte mit der
modernen Architekturbewegung keine Berührung gehabt.
Die Kriegsjahre und die folgenden fechs Jahre der Revolution
haben vollkommenen Stillftand der Bautätigkeit mit (ich gebracht.
Die erften fchüchternen Verfuche in Moskau wurden im Jahre 1923
unternommen. Da die Wohnungsnot ungeheuer grorj war, wurden
zunächft Arbeiterwohnhäufer errichtet. Die Bevölkerungszahl ffieg
von 1,542.874 im Jahre 1923 auf 2,019.453 im Jahre 1926; augen-
blicklich beträgt fie ungefähr 2,500.000 Einwohner.
Da die Bautätigkeit fo viele Jahre geftockt hatte, war überhaupt
keine Bauinduftrie, keine Baumaterialien, kein trockenes Holz zu
haben. Es mufjte von Grund aus alles neu gefchaffen, neu organi-
fiert werden. Außerdem vergab die Regierung die Bauaufträge
an alte Architekten, die [ich (chon unter der zariftifchen Herrfchaft
einen Namen erworben hatten. Auf diefe Weife find um das Jahr
1923 Bauten entltanden, die an die mitteleuropäifchen Bauten aus
der (chlimmften Zeit des XIX. Jahrhunderts erinnern.
Aber die jungen Architekten ruhten nicht. Sie fefjten Hunderte
von Papierprojekten in die Welt, von denen ein jedes ein Märchen
aus Beton, Glas und Eifen war. Nirgends auf der Welt gibt es
einen folch erbitterten Kampf zwifchen den Jungen und den Alten
wie in Rußland, denn nirgends find die Alten fo rückftändig und
konfervativ, und nirgends fpringen die Jungen ihrer Zeit fo voran
und träumen von Induftrialifierung und Rationalifierung wie von
gegebenen Tatfachen, während Rufjland trotj grofjer Fortfehritte
der letzten Jahre auf dem Gebiete der Technik noch einen weiten
Weg zurückzulegen hat. Man hat das Gefühl, als ob zwifchen den
Bauten der Alten aus dem Jahre 1923 und den Bauten einiger
Jungen, die (ich in den Jahren 1925, 26 durchgefefjt haben, hun-
dert Jahre der Entwicklung liegen würden.

f.

„LENIN=INSTITUT" Architekt Tfchernyfchew
Anficht des Turmes (Archiv und Bibliothek)

Als er(ter Vorftofj gegen das Alte in der Architektur galt das
„Lenininftitut" von Architekt Tfchernyfchew, der gewagt hatte, ein
Gebäude mit „wenig Architektur" auf einen hiftorifchen Platj,
der vollkommen einheitlich mit Gebäuden aus dem Ende des
XVIII. und Anfange des XIX. Jahrhunderts bebaut war, zu (efyen.
Das „Lenininftitut" ift eine wiffen(chaftliche Anltalt für die Samm-
lung, Bearbeitung und Herausgabe des reichen literarifchen Nach-
laffes von Lenin. Das Gebäude foll die doppelte Aufgabe er-
füllen: als Archiv für 20.000 Handfchriften Lenins und als Stätte

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