Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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SCHÜLER ZEICHNUNGEN

Von J. Gantner.

Seit der (enfationellen Ausftellung „Der Genius im Kinde", die Fritz Wiehert
1921 in der Mannheimer Kunffhalle gezeigt hat, find die Probleme der Äuße-
rungen kindlicher Geftaltungskraft immer wieder und in ftets neuen Schat-
tierungen zur Diskuffion geftellt worden. Wiehert felbft hatte feiner Ausftellung
den fchönen und fruchtbaren Gedanken des völligen Neu-Anfanges und
Neu-Aufbaues in einer Zeit politifcher und wirtfehaftlicher Umkehr zugrunde
gelegt und zugleich an den tiefen inneren Zufammenhang der Äußerungen
des „naiven" Kindes mit den Manifeftationen des damals führenden Expref-
fionismus erinnert. Sein Mitarbeiter und Nachfolger in Mannheim, Guftav
Hartlaub, hat fpäter den gefamten Fragenkomplex in einem Buche zufam-
mengefaßt (das nächftens in neuer Auflage herauskommt), und auch das
Mannheimer internationale Archiv für Kinderzeichnungen,1928 gegründet,geht
auf jene erfte Initiative zurück. Vor kurzem ift nun auch in dem Kreife der
Frankfurter Zeichenlehrer an höheren Schulen ein lokales Archiv ähnlicher Art
gefchaffen worden. Aus ihm und aus den Beftänden einer Ausftellung „Das
bildfehaffende Kind", die am 25. November im Frankfurter Kunftverein zu
Ende ging, ftammen die meiften der hier wiedergegebenen Schüler-Arbeiten.
Sie find entftanden in dem Unterricht der Studienräte Heinrich Schäfer-Sim-
mern und Betjler, fowie der Zeichenlehrer Anna Zeime und Erich Zickwolff.
Das Problem ftellt fich heute etwas anders als 1921. Die Zeichnung des Kindes,
des Schülers mit der Kunft des Expreffionismus zu vergleichen und daraus
Rückfchlüffe auf die befondere Artder kindlichenÄußerung zu ziehen, ift heute
wohl immer noch eine ungemein intereffante pfychologifche, aber keine pä-
dagogifche Aufgabe mehr. Vielmehr erhebt fich jetjt die Frage: wie kann
die anfängliche, möglichftfreifchaffende zeichnerifch-malerifche oder plaftifche
Äußerungsfähigkeit an den Klippen der Pubertät, der Welt-Erkenntnis fchlechf-
hin,vor allem an den Erfchütterungen, die die erften Zufammenftöße mit der
Aufjenwelt, das Aufkommen des Gefühls für Verantwortung begleiten,
vorbeigefteuert und in dem jungen Menfchen erhalten werden? Darum
haben wir vor allem Äußerungen älterer Schüler gewählt. Sie zeigen, zu
welchen erftaunlichen Refultaten eine freie, freundfehaftliche Beratung durch
den Lehrer führt. Ob diefe Dinge „Kunft" find oder nicht, ift ganz neben-
fächlich. Wichtig, ja unerläßlich wichtig aber ift, daß an allen Schulen diefer
Geift einer völlig zwanglofen, die Phantafie befruchtende Unterrichtung im
Zeichnen nunmehr Platz greift.

Wir beha Iten uns vor, auf die brennendfte Frage, die Ausbildung der Zei-
chenlehrer felbft, hier ein andermal zurückzukommen.

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