Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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um die Vielen, die ohne Wohnung find und Möbel brauchen.
Es wäre in viel ftärkerem Mafj als bisher nötig, die Bedürfniffe der
Menfchen, den Ablauf ihres Lebens, das Typifche ihrer Gewohn-
heiten und Handlungen fachlich zu prüfen, dies in weitfchauender
Überlegung zu ergänzen für das Ganze einen Rahmen fuchen, in
dem das einzelne Möbel nur ein untergeordneter Teil ift.
Es ift bezeichnend, dah die meiften Bücher über Häufer oder Möbel
Bilderbücher find; dafj lediglich ein Ausfchnitt aus einem Raum
gezeigt wird, möglichft gefchmackvoll aufgenommen, dafj immer
die Grundriffe fehlen, die erft die Funktion und den Ablauf auf-
decken würden. Aber es ift eben meiftens nichts aufzuzeigen. Es
ift die gedankenlos übernommene Schablone, die in dem einen
Fall (ich in modernifierte Stilmöbel, im anderen oft gefuchte Mo-
dernität kleidet. Das Wefentliche ift feiten berührt; ein Anfang
dazu ift nur bei den Küchen zu verzeichnen.

Es kann fich in zweiter Linie um die Form handeln und diefe wird
— wenn fie erft in Mode ift — von jedem Möbelfchreiner nach-
gemacht werden können. Es handelt fich nicht um die halbe Sach-
lichkeit im äufjeren Eindruck. Wohnen ift mehr als Schlafen, Elfen,
Kochen und Baden. Eine gute Wohnung foll und darf zwar nicht
mehr (ein als ein Rahmen für das Leben, ein Hilfsgerät für die
täglichen Verrichtungen; aber dies mufj fie bis ins Kleinfte und
Lefjte (ein. Das geht nicht fo, dafj man lozufagen alles verbietet,
damit möglichft wenig übrig bleibt. Die neue Wohnung foll leer
fein, wird es fein aus inneren Gründen des neuen Lebens und
Wohnens; aber es muh doch Alles da fein. Das ift ein fchlechter
Erzieher, der alles verbietet, weil er dann am wenigften Mühe hat
und die Erziehung einfach wird, weil er (ie mit groben Mitteln be-
herrfchen kann.

Alles erlauben und doch in die rechte Bahn lenken, das ift das
Schwerfte; da erft wird die Form, die unfcheinbare und doch das
entfcheidende Nebenbei des Lebens, wie fie die neue Zeit fordert
von innen heraus geboren.

Die Menlchen laffen und fie doch belfern, die Vielgeftaltigkeit des
Wohnens erkennen und berückfichtigen und doch einfach und klar
geftalten, faft alle Möbel entfernen und dennoch alle Möglich-
keiten laffen, das ift die Aufgabe.

Wir verfallen, trofj ernften Mühens, auch auf dem fo gefunden
Boden der Sachlichkeit leicht darein eine Kunft zu wollen, wie fie
fonft in ihrer Oberflächlichkeif für untere Zeit typifch ift, eine Kunft,
die losgelölt ift vom wahren, gewöhnlichen, alltäglichen Leben;
aber gerade das bedarf am dringendften einer Neugeftalfung. Mit
Volksvorlefungen über Dürer und Thoma ift dem formenentfrem-
deten Menfchen nicht geholfen; wir find nur dann auf dem rechten
Weg, wenn wir die inneren Zufammenhänge unteres Zeitgefche-
hens aufdecken; je tiefer und eindeutiger da untere Erkenntnis
wird, detto beffer wird fie im Äufjeren Geftalt finden; fei es in den
Formen eines geordneten Lebens, (ei es im Ausdruck der Woh-
nung und Möbel.

Es handelt fich um ein ganz einfaches, wahrhaft fachliches Bemühen,
die Lebensnotwendigkeiten in ihrer Gänze zu erfaffen und erfüllen,
die faft von felbft die rechte Form erhalten, wenn wir nur richtig
denken und fühlen und nicht nur gut — zeichnen.

DER TAG FÜR DENKMALPFLEGE UND
HEIMATSCHUTZ

wird 1928 in Würzburg und Nürnberg mit dem Programm „Schufj
des alten Stadtbildes in der modernen Grofjftadt" abgehalten
werden. Ein Thema, das für alle Städte, die aus einem alten Stadt-
kern heraus fich zur modernen Induftrieffadt entwickelt haben, ak-
tuell ift. Leider fteht zu erwarten, dafj befonders in Nürnberg jene
formaliftifche Richtung der Denkmalpflege propagiert wird, die
mit einer äußerlichen Einbindung der Neubauten in die alten
Strafjenbildermif möglichfter Abwehr der Spuren modernen Lebens,
vor allem der Reklame und Lichtreklame, den Altftadtcharakter zu
wahren fucht. Es wäre fehr zu wünfchen, dafj demgegenüber die
neue Auffaffung von den Pflichten der Denkmalpflege zu Worte
käme, wenn der Tag für Denkmalpflege und Heimatfchutj die Füh-
rung in diefen Fragen behalten will. Wir verlangen heute von
Neubauten in der Altftadt nichts, was wir nicht von jedem Neubau,
gleich wo er fteht, erwarten würden: Ausdruck feiner Zweckbe-
(timmung und (einer konduktiven Mittel, Klarheit und Gegenwarts-
bedingtheit feiner Form. Nicht nur die hi(tori(ierende Stilarchitektur,
auch die „gefällige" Einpaffung mit fchamhafter Verfchleierung der
wirklichen Bauhöhe, wie überhaupt jeder Mangel innerer und
äufjerer Entfprechung wird heute als Unehrlichkeit empfunden.
Wir fordern nicht Anpaffung an denAltftadtcharakter irgendwelcher
Nachbarfaffaden, (ondern lediglich richtige Beftimmung des Bau-
kubus und feiner dynamifchen Verfpannung innerhalb der ftädte-
baulichen Situation. Im übrigen wird gerade der moderne Bau mit
feiner hartkantig (tereometrifchen Form, feiner entfchiedenen Hori-
zontalität bindend wirken können, wo innerhalb der alten Haus-
fronten brutale Faffaden der Gründerzeit eingefprengt find. Denn
vor den aufputjlofen, ffreng umriffenen, fchweigfamen Bauten un-
lerer Tage wird der Schwall folcher Faffaden leer und die zurück-
haltende Mufikalität der alten Bürgerhäufer neu lebendig.
Die gleiche Überlegung, die uns den modernen Bau in der Altftadt
bejahen läfjt, fordert auch, dafj das moderne Leben in der Altftadt
nicht abgefchnürt wird. Gibt es etwas Jammervolleres als einft vor-
nehme Strafjen mitkultiviertenPatrizierhäufern.diezu verkommenen
Kleinbürgerquartieren herabgefunkenfind?LieberfchondasLeben
der Gefchäftsftadt in folchen Altftadtftrafjen mit alledem, was fie mit
(ich bringt, Reklame, Lichtreklame und Verkehr. Für den naiven
und nicht formaliftifch verbildeten Sinn wird folche Verlchränkung
des alten Stadtbildes mit flutendem Gegenwartsleben einen ftarken
künftlerifchen Reiz befitjen — ganz abgefehen davon, dafj fie auch
linnvolle und nicht blofj kuliffenhafte Erhaltung der Altftadt verbürgt.

Bier.

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