Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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DER NEUE HAUSRAT Von Prof. Fritj Wiehert, Frankfurt a. M.

Zum Hauptthema diefes Heftes und zur Einführung des „Frankfurter Regifters"

Rationalifierung der Herftellung von großen und kleinem Hausrat, Möbeln
und allerhand Zweckgerät heifjt im Grunde genommen nichts anderes als
Übergang von der Handarbeit zur Mafchine.

Man fpricht von einer Befeelung des Gegenftandes und meint damit nicht
nur die Originalität des Entwurfes und die fchöpferifchen Hauptgedanken
wie fie feiner Geftalt zugrunde liegen, fondern alle die kleinen Unregel-
mäßigkeiten, die zeigen, daß eine lebendig formende Hand ihn gefchaffen
hat. Diefe Unregelmäßigkeiten geben ihm den perfönlichen Reichtum und
machen ihn gleichfam zum Individuum, zum Kameraden des Menfchen. Dem
Mafchinengefchöpf fehlt folches Leben, und zwar in umfo ftärkerem Grade,
je mehr die Mafchine an feiner Hervorbringung beteiligt war.
Die Handarbeit hat eigene Gefefje und die Mafchinenarbeit hat die ihrigen.
Hinfichtlich der künftlerifchen Geftaltung liegen beide an den äußeren Enden
einer Stufenfolge. Ein Werk wächft — auch geiftig — aus der Hand oder aus
der Mafchine. Ein Fehler wäre, das handwerklich Gedachte mit der Mafchine fNrXiedno*e,9ertalfUng 'm Frank,urter Zen"
nachmachen zu wollen. Beide Arten behalten ihre Bedeutung und ihren Wert, "ächrten hefte: neue gärten und

_ ' FRIEDHOFE

aber unfere gegenwärtige foziale und wirtfehaftliche Entwickelung führt von
der Handarbeit fort und zur Mafchine hin. Wie lange, das weiß kein Menfch.
Die Bewegung kann auch wieder rückläufig werden. Einftweilen müffen wir
annehmen, daß immer mehr von den Dingen, die uns im täglichen Leben
umgeben, ihre handwerkliche Befeelung verlieren und zu Typen werden.
Es ift unfere Überzeugung, daß diefer Entwicklung auf lange Zeit hinaus nichts
entgegengeftellt werden kann. So bleibt dem Menfchen, der fich für künft-
lerifches Leben einzufetjen gewohnt ift, nichts anderes übrig, als aus der Not
eine Tugend zu machen, "to make the beft of it".

Nach wie vor müffen alle Gegenftände gedacht und entworfen werden. Von
der Gattung der Zweckgegenftände haben fich die Schmuckgegenftände
abgelöft. Die Zweckgegenftände aber wurden oft dermaßen mit Ornamenten
überkruftet und in ihrer Form verkünftelt, daß auch fie kaum noch als Geräte
betrachtet werden konnten. Faft jeder Zweckgegenftand läßt Veredelung und
Schmückung zu, doch für jeden gibt es in diefer Beziehung eine Grenze. Geht
man darüber hinaus, fo beginnt die Entartung. Einen Küchentifch mit einge-
legter Platte oder reichgefchnißten Beinen wird kein Menfch vernünftig finden.
Andererfeits foll man auch nicht unter ein gewiffes Maß von Schmuck und
Veredelung herabgehen, wenn es das Wefen des Gegenftandes gebietet.
Es gibt — für Räume wie für Hausrat — zweierlei Zweckmäßigkeif, eine phy-
fifche und eine pfychifche. Beiden muß zugleich gedient fein. Die phyfifche Architekf Adolf Meyer, Neubau derGasge-

(körperliche) Zweckmäßigkeit ift erfüllt, wenn der Raum oder der Geqenftand feiifehaft Frankfurt am Main .
) . . i. i ii ri E,ne, der nadirten Hefte: FRANKFURTER

leinen körperlichen räumlichen Funktionen voll entfpricht, wenn man zum wirtschaftsbauten

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