Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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MITTE I

LUNGEN

DIE JUBILÄUMSTAGUNG DES BUNDES DEUTSCHER
ARCHITEKTEN IN FRANKFURT A. M. UND KÖLN

Der B.D.A. i(t im Jahre 1903 in Frankfurt a. M gegründet worden.
Zur Erinnerung an diefes Ereignis findet vom 20. — 22. Juni eine
Jubiläumsfeier in Frankfurt a. M. ftatt mit einer Feftfifjung im Römer,
an welcher unter anderen Stadtrat May über die neue Bautätig-
keit der Stadt (prechen wird, als Auftakt zu der nachfolgenden Be-
[ichtigung der Neubauten. Vom 22. — 25. Juni folgt (odann der
Bundestag in Köln; hier hält unter anderen Prof. A. E. Brinckmann
einen Vortrag über „Studienreifen von Architekten in fünf Jahr-
hunderten". Sowohl in Frankfurt wie in Köln finden aus Anlaf)
diefer Tagung Architektur-Ausltellungen (taft; die Frankfurter
wird am 21. Juni im Haus Werkbund eröffnet.
Wir haben Herrn Dr. Fritj Rupp, den Syndikus des Landesbe-
zirks Heden, Heflen-Naftau des B.D.A., gebeten, über die Bedeu-
tung der Jubiläumstagung für die Gefchichte des B.D.A. (ich hier
zu äufjern, und geben (einen Bericht mit einigen durch die Knapp-
heit des Raumes bedingten Kürzungen wieder. gtr.

Der Bund Deutfcher Architekten, der am 21. Juni in Frankfurt am
Main, der Stätte feiner Gründung, das fünfundzwanzigjährige Be-
gehen feiert, hat mit dem alten Verbände nur noch den Namen
gemeinfam. Feinfinnige, an der Zeit krankende Baukünftler waren
es gewefen, die fich in der alten Reichstädt zufammenfanden, um
eine Gemeinfchaft aus der Taufe zu heben, deren künltlerifche
Sendung in der Schaffung des neuen Baultiles erblickt wurde.
War es ein Zufall, war es eine abfichtliche Gelte, dafj man zu dem
gefchichtlichen Akt eine Stadt auserwählt hatte, deren pomphafte
Greuel einer hiftorifierenden Architektur jedem Fortfehritt hindernd
in den Weg traten? Einerlei, in einem Punkte wühle man, was
man wollte, in der Frage nach dem, was gefchehen (oll. Los von
der Vergangenheit und hinein in eine lebendige Gegenwart war
der Heroldsruf des neuen Bundes, und wer wird beftreiten, dafj
die Bewegung von nachhaltiger Wirkung auf die deutfehe Bau-
kuntt gewefen i(t! Der Enderfolg blieb jedoch aus. Daran trägt
zweifellos das kaiferliche Deutfchland mit (einer dilettantenhaften
Bevormundung der Baukunft (chwere Schuld. Immerhin leben wir
aber nicht in einem Jahrhundert mittelalterlicher Standesherrlich-
keit, in dem ein prunkhaftes Zurfchautragen von Macht und Reich-
tum eines überlegenen Herrfcherwillens das Antlifj der Kultur be-
ftimmte. Dem freifchaffenden Architekten verblieb in der Zeit vor
dem Weltkrieg außerhalb der öffentlichen Bautätigkeit ein hin-
reichendes Arbeitsfeld, um fich durchlesen zu können. Sollte da-
her das Ausbleiben gehegter Hoffnungen nicht auch andere Ur-
(achen, vor allem (olche innerer Natur haben?

Der unglückliche Ausgang des Weltkrieges und die damit ver-
bundene Betonung rein wirtfehaftlicher Momente brachte im
Jahre 1919 den Zufammentchlufj der Privatarchifekten Deutfchlands
zu einer berufsftändigen Vertretung unter Führung des Bundes
Deutfcher Architekten. Diele Entlcheidung ift den alten Bundes-
mitgliedern nicht leicht gefallen. Vermögen wir es uns doch
theoretilch fehr wohl vorzultellen, dah man (ich mit einer Intereflen-
gemeinlchaft begnügt hätte, der die Löfung aller wirtlchaftlichen
Aufgaben zugefallen wäre, während fich der Bund Deut-
fcher Architekten ausfchliehlich der künftlerifchen Fragen des Be-
rufes angenommen hätte. In der Praxis wäre es aber anders ge-
kommen. Denn auch diefe Interelfengemeinfchaft konnte nur auf
öffentlich-rechtlicher Grundlage gemäh der Reichsverfaflung er-
folgen, wenn (ie in der Vertretung rein beruflicher Angelegen-
heiten als die zultändige Organifation angefehen werden wollte.
Richtiger war es daher gewefen, in die neue Organifation hinein-
zugehen und allen Einflufj aufzubieten, dafj in den Satjungen die
künltlerifche und moralifche Verantwortung des Architekten der
Öffentlichkeit gegenüber im Sinne der Standesaufaffung des Bun-
des Deutfcher Architekten zum Ausdruck kam. Vielleicht ift es
heute angebracht, die Satjungen auf die Verfolgung ftandes-
politifcher Ziele hin nachzuprüfen, wobei jedoch darauf zu achten
ift, dah ev. Abänderungen nicht die Organifation als berufliche
Vertretung der freien Architektenlchaft innerhalb des Reichsge-
bietes gefährden.

Und wie auch über den Satjungen des heutigen Bundes Deutfcher
Architekten die Sonne nicht ftille Iteht, erblicken wir in dem auf-
kommenden Beftreben, Anhänger beftimmter Kunftrichtungen in
Gruppen mit einem künftlerifchen Eigenleben zufammenzufalfen,
ein Beginnen, das der Klärung der Frage nach dem neuen Zeit-
ftil nur dienlich lein kann. Die Vorausfetjung hierzu wird immer
die foziologilche Einteilung des fchöpferilchen Künftlers fein, die
anzuknüpfen hat an den geiltigen Gehalt und die Innerlichkeit
des Lebens. Sie ilt allo zunächlt vorwiegend individualiftilchen
Charakters, um in dem Augenblick des geftaltenden Vorganges
univerlaliftifchen Einflüften zu erliegen. So mögen dem Indi-
vidualismus in der Baukunft Strömungen und Richtungen Rechnung
tragen, der Univerfalismus wird in der berufsftändigen Vertretung
betont. Gruppen und Bund, (ie (ymbolilieren die GefelKchaftslehre
in ihrer tiefiten Bedeutung, das heifjt, über den Teilinhalten nicht
das Ganze aus dem Auge zu verlieren.

Und diefes Ganze verweift uns auf die Tatfache, dah das künft-
lerilche Schaffen nur eine, wenn auch das Niveau ausfchlag-
gebende Seite des Gelelllchaftslebens ift. Es darf dem Bunde
Deutfcher Architekten daher niemals gleichgültig fein, was für
Kräfte die eigene Entwicklung beftimmen, und er wird ganz in

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