Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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wicklung ift, fo befitjf man einen ficheren Kompaß durch den wortreichen
Wald der Programme, die den Weg aller Schul-Reformen und -Gründungen
begleiten. Durchgedrungen bis zu diefem Kerne find nur wenige, weil faft
immer Kompromiffe mit „maßgebenden Kreifen", mit Inftitutionen, mit den
Privat-Idealen von Geldgebern zu fchließen waren. Aber diefe teils ehr-
würdigen, teils kläglichen Abhängigkeiten ändern nichts an der Wirkmacht
diefes neuen Menfchenbildes, an dem das 20. Jahrhundert wird erweifen
müffen, vieviel fchöpferifche Kräfte es noch einzufeßen hat in dem ewigen
Kampfe der alten elementaren Lebensmächte mit den tyrannifchen und
pedantifchen menfchlichen Geiftmächten.

Seltfam ftimmen überein: die Umriffe des Menfchen in der Welt, wie die
alt-chinefifchen Weifen fie fahen — wovon R. Wilhelm unlängft wieder höchft
lebendig auf der Tagung des Frankfurter China-Inftitutes Zeugnis ablegte —,
die tieffinnigften fchlichten Spruch-Weisheiten Goethes, die heftigen Forde-
rungen Nietzfches nach einer lebensgerechten Ordnung der Kulturgüter!
Und prüfen wir die reifften Ergebniffe pfychologifcher Durchleuchtung, die
von Nietzfches Geift befruchtet find: die Pfychoanalyfe Freuds, die Charak-
terologie und Lebens-Philofophie von Klages, wozu fich als ftärkfte Stimme
aus der Ferne Ortega y Gaffet (Madrid) mit wörtlicher übereinftimmung
inbezug auf die hier vertretene Wertung der Linie Goethe-Nietzfche ge-
feilt, fo kann es nicht mehr zweifelhaft fein, wo die ftarken Ströme raufchen,
die unfer Handeln wie unfer Fühlen und Denken beftimmen, wenn wir Ziele
der Erziehung aufzuteilen und feftzuhalten fuchen.

Vermöchten nur alle die Kreife, denen eine freie und reife Perfönlichkeits-
Geftaltung der Menfchen aller Art am Herzen liegt, über den nahen milieu-
beftimmten Zielen diefe fernen Richtpunkte zu erblicken, die mit großer
Wahrfcheinlichkeit den Rang von fäkularen Wandlungen haben, fo böte
fich heute eine vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit zu klarer lebens-
gerechfer Gliederung des gefamten Erziehungswefens. Mit feftem Blick auf
letzte Ziele gleichfam biologifche Realpolitik innerhalb der erprobten Formen
zu treiben, wie der heutige Gärtner es mit den Pflanzen, der im Leib-See-
lifchen erfahrene Art es mit dem Menfchen macht — das ift die wahre Auf-
gabe aller Erzieher von heute.

STRÖMUNGEN IN DER UNIVERSITÄT

Von Prof. Dr. Fri+5 Drevermann, Frankfurt a. M.

Wenn ich auf Wunfeh der Herausgeber über Strömungen in der Univerfität
fchreiben foll, fo muß ich zuerft das Menfchenmaterial prüfen und fehen, was
mit ihm gefchieht, dann die Fehler erkennen und endlich über deren Abhilfe
nachdenken. Das Ganze fällt fubjektiv aus, aber Objektivität birgt immer
Schwäche und oft Angft vor eigener Verantwortung.

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