Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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fes Deffau. Negativ

BILDHAFTE PHOTOGRAPHIE von Em» mim. B.rim

Der Vergleich zwifchen Malerei und Photographie wird zumeift auf die
Formel gebracht, dafj jene felbft in ihrer ftrengften Baugeferjlichkeit immer
noch eine perfönlich-pfychologifche Verkapfelung der Form bedeute, wäh-
rend das Lichtbild durch feine mechanifch-chemifche Entftehung an Sachlich-
keit gebunden fei.

Die Formel ift zweifellos richtig, nur darf man den Begriff der photographi-
fchen Sachlichkeit nicht zu ftarr nehmen. Die junge Gefchichte der Photo-
graphie hat Stilwandlungen aufzuweifen, die nur deshalb möglich fein
konnten, weil auch die Photomechanik den Unwägbarkeiten einer feelifch
und geiftig gerichteten künftlerifchen Beeinfluffung zugänglich ift. Nun haben
wir allerdings zur Zeit auch in der Photographie eine „neue Sachlichkeit",
die von den atmofphärifch verhüllten Stimmungen der impreffioniftifchen
Lichtbilder behauptet, fie feien auf malerifche Wirkungen hin künftlich zu-
rechtgemacht, alfo nicht photographiegemäfj. Merkwürdigerweife finden fich
unter folchen Kritikern der impreffioniftifchen Photographie Künftler, die mit
kameralofen Photogrammen und photographifchen Klebebildern experi-
MOHOLY-NAGY.DasAtelierhausdeiBauhau* mentieren. Die Eingriffe, mit denen Bruguiere, Man-Ray, Moholy-

Nagy, Spaemann-Straub den chemifch-mechanifchen Entftehungsvor-
gang ihrer photographifchen Helldunkel-Phantafien zu lenken verfuchen,
find höchft perfönlich-fubjektiviftifcher, wenn nicht fpielerifcher Art. In einer
Photomontage wie die „Eiferfucht" von Moholy-Nagy ift aus photographi-
fchen und malerifchen Elementen ein höchft willkürliches Drittes gefchaffen
worden.

Aber man braucht gar nicht fo weit zu gehen. Es gibt Kameraleute, die das
plaftifch Gegenftändliche im Motiv mit einer klaren, bildfüllenden Konzen-
tration äufjerfter Sachlichkeit aufnehmen und in ihren Arbeiten trotzdem von
ganz verfchiedener perfönlicher Eigenart find. Porträtaufnahmen von Er-
furth, Peterhans oder U m b e h r etwa, oder die Landfchaften, Tier- und
Pflanzenbilder von Renger-Patjfch vermitteln die erlefenften Feinheiten
von pfychologifcher und formaler Beobachtung, von Bildausfchnitt, Belichtung
und Zeitnahme, von künftlerifcher Erfühlung und technifcher Meifterfchaft.
Käme es nur auf die feelifche Neutralität der Photomechanik an, fo wäre der
Begriff der photographifchen Sachlichkeit bereits mit einer guten Pafjphoto-
graphie oder einer gelungenen Kamerareportage erfüllt, und alles, was über
folche nüchterne Beftandaufnahme hinausgeht, müfyte als künftlerifche Verbil-
dung der Photographie gelten.

Intereffant ift die vollkommen gefchloffene und ausbalancierte Bildwirkung
des photographifchen Stillebens von Andor Kertesz, das die Sammlung im
Gegenftändlichen zur nackteften puritanifchen Strenge erhärtet hat. Wir re-
MOHOLY-NAGY. Blumenphotogramm produzieren diefes Bild neben dem Gemälde von Ludwig Tihanyi. Die

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