Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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UM DIE NEUE G

ESTALTUNG

ITALIEN

An den durch die heutige Welt gehenden Beltrebungen zur Neu-
geftaltung der Architektur hat Italien bisher nur geringen Anteil.
Das wird verftändlich, wenn man beachtet, dafj — um nur ein Bei-
fpiel zu erwähnen — in der italienifchen Hauptftadf die Errichtung
öffentlicher Gebäude ausfchliefjlich durch die Stadtverwaltung er-
folgt, und daf} diefe mit Giebeln, Pfeilern, Statuen, Zinnen, Obe-
lisken u. f. w. beladenen Bauten ohne Rückfichtnahme auf die Be-
ltrebungen moderner Architektur erlteilt werden. Der offizielle
Verband römifcher Architekten will demnächft als Bauftil die über-
kommene Architektur in modernem Gewände pro-
klamieren, eine Art Wolkenkratzer in den klal(izi(ti(chen
italienifchen Stil übertragen. Dies alles im Namen der
Kunft und des praktilchen Bedürfniffes!

Immerhin hat bereits im Jahre 1914 der futuriftifche Architekt
Antonio Sanf'Elia inmitten allgemeinen Verfalls des baulichen
Gefchmacks (einem Lande beachtliche ftädtebauliche Anregungen
gegeben. Wenn auch noch von einigen kuliffenhaften Ideen be-
laftet, i(t er doch als der Hauptverfreter des modernen Bauwelens
in Italien anzufprechen.

Wenn die italienifche Architektur und der Städtebau lieh auch den
wefentlichen Prinzipien der auf reinfte Sachlichkeit eingeteilten
Anfchauung des Nordens anpaffen werden, fo wird dennoch der
von ihnen geforderte bauliche Charakter (tark betonte römifche
Monumentalität aufweifen, fowohl hinfichflich der Wertung von
Bedeutung und Wefen des Grundriffes, wie der Dimenfionen, des
Volumens und der Proportionen. Ob diefer neue Stil dem herge-
brachten äfthetifchen Gefchmack genügen wird, darf wohl bezwei-
felt werden. Die Einheit und Gelchloffenheit der ausgedehnten
Häuferblocks, die Angft vor dem Grofjen wie vor dem organifch
Gewachfenen werden den Architekten, Bauunternehmern, Haus-
eigentümern, Bewohnern fowie den Freunden von dekorativer
überladenheit alsFremdarfigesabfchreckend erfcheinen. Sie werden
dem guten Gefchmack und der architektonifchen Verweichlichung,
mit der fie bisher Ruhm geerntet haben, nachtrauern. Sowohl an
der Erffellung von repräfentativen wie von Zweckbauten hat Italien
noch vieles nachzuholen: Stadien, Arbeiterwohnvierfel, Unterrichts-
anffalten, Theater, Markthallen und andere öffentliche Gebäude.
Befriedigung fordert auch die Schaffung von Gebäuden für die
Zwecke der kleinen und mittleren Induftrie, fowie des Gewerbes,
die die Möglichkeit geben, von den Vorteilen und Erleichterungen
nütjlichen Gebrauch machen zu können, die der Bezug aus den
auf gemeinnütziger Grundlage aufgebauten Warenmagazinen und
die Benutzung der Verkehrsmittel bietet.

Alberto Sartoris, Turin.

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ALBERTO SARTORIS, TURIN

Generelle Projekte für die Bebauung eines ftädtifchen Geländes mit
Miethäufern, Bureau= und Magazinhäufern
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