Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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LE CORBUSIER und PIERRE JEANNERET
Haus in Boulogne sur Seine

LE CORBUSIER und PIERRE JEANNERET
Aus der Siedlung in Peffac bei Bordeaux

Das Einfamilienhaus rechnet mit einer Lebensweife, die vielleicht in
Deutfchland wenig verbreitet ift, die aber für den Bewohner von Paris grofje
Vorteile hat.

Man müffe, hat eine Zeitung gefchrieben, ein „unmoralifcher Bohemien" fein,
um es auch nur zehn Tage in einer folchen Wohnung auszuhalten. Ift es wirk-
lich fo fchlimm? Das obere Stockwerk, auf der Höhe des Dachgartens, enthält
zwei Räume, die entweder als ein Kinderzimmer mit 2 Betten oder als ein
Arbeitszimmer gebraucht werden können. Das Hauptgefchofj hat doppelte
Etagenhöhe mit einer eingebauten Eftrade von 2,20 m Höhe. Küche, W-C
und Mädchenzimmer find für fich und unabhängig angeordnet.
Wenn alfo abends die Kinder zu Bett gebracht find, verfügen Mann und
Frau über den grofjen Raum im Hauptgefchofj, über ein grofjes Boudoir, ein
Bad und W-C auf der Eftrade, (geräumige, ffandardifierte Schränke trennen
diefe Räume auf der Eftrade voneinander und erfüllen ganz beftimmte Auf-
gaben.

Ich mufj hier geftehen, dafj bei der Ausführung leider ein fehr wichtiger Teil
einfach weggelaffen worden ift: auf der halbhohen Wand zwifchen Boudoir
und grofjem Wohnraum follten gleitende, verfchiebbare Wände angebracht
werden, damit die Abteilung Boudoir-Schlafzimmer-Bad vollftänd ig gefchloffen
werden kann. Wir haben diefe Art Abfchlufj fchon 1925 im Pavillon de l'Efprit
Nouveau auf der Internationalen Kunffausftellung vorgeführt. Wenn man auf
unferen Plänen diefes vergeffene Organ noch ergänzt, fo wird man leicht
einfehen, dafj die Idee durchaus nicht fo unfinnig ift, wie gefagt wurde. Man
hat uns ferner auch wegen des grofjen Fenfters im Wohnraum angegriffen.
Aber diefe Art Fenfter ift von mir feit mehr als zehn Jahren fchon in 1000 m
Höhe angewendet worden und in einer Gegend, wo der Schnee gewöhnlich
1,50 m hoch liegt, und daffelbe Syftem der Beleuchtung und Heizung wie in
Stuttgart haben wir auch für den großen Verfammlungsfaal im Genfer Völ-
kerbundsgebäude vorgefchlagen. Es handelt fich ja dabei durchaus nicht um
eine abkühlende, fondern um eine neutrale Fenfterfläche. Das wird aber da-
durch erreicht, dafj die beiden parallelen Scheiben 60 cm voneinander ge-
trennt find und dafj die Heizkörper zwifchen diefe Fenfter geftellt werden.
Auf diefe Weife entfteht hier ein warmer Luftraum, eine Art Treibhaus, in
dem Blumen gepflanzt und in regulärer Wärme gepflegt werden können —
zugleich ein reizvoller grüner Vorhang für das Fenfter. Mit diefen doppelten
Scheiben löfen wir in unferen Villenbauten auch die Frage der Ifolierung
nach aufjen fowohl gegen Kälte wie gegen Sicht.

Ich behaupte, dafj in einem folchen Haufe viele normale Familien, die
Freude haben an Bequemlichkeit, an grofjen Räumen und vielem Licht, einen
Typus von Wohnung finden werden, der ihnen auch eine gewiffe Schönheit
garantiert und allerdings abweicht von jenen im Kubus ebenfo grofjen Villen,
die in viele kleine Zimmer von gleichen Abmeffungen aufgeteilt find.

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