Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

Page: 55
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/neue_frankfurt1928/0081
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
DISKUSSIONE N

ZUR FRAGE DER FRIEDHOFSGESTALTUNG

Den Mitteilungen Jolef Hartwigs über die neue Frankfurter Fried-
hofsordnung hält Walter Riezler in der „Form" entgegen, dah fie
zu fehr das „Künftlerifche" in den Vordergrund ftelle und dadurch
das Menfchliche mehr oder weniger vergewaltige. Ich möchte daran
erinnern, dah gerade die Friedhöfe, die uns am ftärkften von der
einheitlichen „Sitte" früherer Zeiten Kunde zu geben fcheinen, die
Friedhöfe von St. Johannis und St. Rochus in Nürnberg, behörd-
lichem Zwang ihre grohartig fchlichte, der Würde eines Totenfeldes
entfprechende Einheit verdanken. Durch Ratsdekret wurde im Jahre
1522 das Mah für die mächtigen Sandfteinplatten feltgefety, die
nach Art der Tumbengräber in den Kirchen über die Grabftatt
gelegt wurden. Diefem Mah hatten fich alle, die Patrizier fo gut
wie die übrigen Bürger, zu fügen. Erft zwei Jahre vorher war der
Brauch, die Gräber mit folchen Steinplatten anftelle von Grab-
hügeln zu überdecken, aufgekommen, Sigmund Fürer hatte als
erlter vom Rat die Erlaubnis erbeten. Diefe neue Form der Grab-
geftaltung, die den Leib des Toten mit einer mächtigen, fchweren
Platte deckt, ift eine typilch renaiffancemähige Geftaltung und fteht
in (tärkftem Widerfpruch zu den uneinheitlichen individualiftifchen
Formen der Totenehrung, wie (ie im 15. Jahrhundert auf den Fried-
höfen an den Kirchen üblich waren. Jultus Bier

NEUES BAUEN IN DER PROVINZ

Die Kulturelle Arbeitsgemeinfchaft Würzburg hat am
2. März ein Streitgefpräch zwifchen Stadtrat May und dem Leiter
des Univerfitätsbauamtes Würzburg Dr. L o m m e I über Neues Bauen
in der Provinz veranftaltet. Schon früher hat May auf einem Werbe-
abend der Kulturellen Arbeitsgemeinfchaft gefprochen, die ein
großes kultiviertes Publikum hinter fich hat. May griff (ein Thema
mit großem Ernft an, er fprach aus dem Geift einer fittlichen Ver-
antwortung heraus, die manchen überzeugte, der fich äfthetifchen
Gründen verfchloffen hätte. Lommel dagegen hakte an einzelnem
ein und (uchte die Mayfchen Thefen zu fchwächen, ohne dafj feine
Sarkasmen und Florettftöhe feine Pofition klar hätten erkennen
laffen. Zweifellos hatte er die fchwierigere Aufgabe, denn es ift
heute eben einfach nicht mehr möglich, an der neuen Architektur
vorbeizugehen, und jede derartige Erwiderung mufj auf eine Art
Rückzugsgefecht hinauslaufen.

Mays Streifrede hatte noch ein Nachfpiel bei der Tagung des
bayrifchen Stuckateurverbandes, auf der Adolf Meyer, der Leiter
der Bauberatung des Frankfurter Hochbauamts, einer Berufsgruppe,
die vom neuen Bauen (chwere wirtfchaftliche Schädigung befürchtet,
darlegen konnte, was die neue Architektur von ihr erwartet und
welche Aufgaben ihr bevorltehen. Juffus Bier

N

DIE FASSADE FÜR DEN NEUEN Architekt Ugo Giovan.

VÖLKERBUNDSPALAST iSo^onlTS

Afficurazioni,Rom.Erbaut
1927 zur Erinnerung an
den Marten der Faiciften
auf Rom

IJIMiSPiBtiBitWH

Die Faffade der Herren Nenot und Flegenheimer darf lauf Be-
(chluh des Völkerbundsrates vom 6. März nicht ausgeführt werden.
Eine neue Faffade muh her, und da fich auch die Mitarbeiter Brog-
gi,Vaccaro, Franzi, Lefevre und Vago umlonlf den Kopfzerbrechen,
fo hat der Völkerbund eine Kommiffion von fünf Politikern aus
Liberia, Afganifthan, Andorra, Mexiko und Feuerland eingelegt,
welche die europäifchen Hauptltädte nach einer geeigneten Faf-
fade abluchen (oll. Gegenwärtig hat, wie wir hören, die hier ab- Aus
gebildete Faffade des neuen Iftifuto Nazionale delle Afficurazioni ^jjj^ , j Verla^NS^ampmann

in Rom, am meilten Ausfichten. IBHBBHBI^l^^^^^^^HMHBHBBHB Heidelberg

55
loading ...