Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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LE CORBUSIER. SCHÖPFERISCHER STÄDTEBAU

GEDANKEN ZUM NEUEN FRANZÖSISCHEN WOHNUNGSBAUGESETZ
PROGRAMM LOUCHEUR

Man hat mir einen völlig beruhigenden Ausfpruch von Herrn Loucheur Vorbemerkung der Schriftleitung:

hinterbracht: „Wir werden früheftens in einem Jahre anfangen können!" Wir entnehmen den folgenden Auffatz,
Das nenne ich Weisheit. Es wäre kataftrophal, gleich jetjt fchon zu beginnen. deffen prinzipielle Formulierungen uns für

t if- i i- l Ii Iii iL d d -i axi i" ganz Europa wichtig fcheinen, dem Auquft-

latlachlich Itellt uns Loucheurs rroqramm vor eine Kerne von Autqaben, die , „ , n f ... , „ ■- ... ,

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gle.chzeit.g zu lofen find. Ohne einen Gefamtplan kann vernünftiger- zweite TeN von Le Corbufiers „Reflexions

weife nichts unternommen werden. Alles geht ja ineinander über. Und die a pr0p0s de la loi Loucheur". Die üb
Architektur der Zukunft, die von einem Zuftand fozialer Gleichheit in unferer [etzung ftammt von uns
Epoche Zeugnis ablegen foll, verlangt unzählige Zielfetjungen. Man mufj
erft gleichfam das ganze Schachbrett mit Figuren belegen. Das Problem als
Ganzes (teilen und als Ganzes löfen. Iff dann diefes Programm fynchronifch
aufgeffellt, dann erft kann man das Schachbrett in Teile zerlegen und die Arbeit
auf den einen oder anderen Teil lokalifieren. Alfo: Konzeption des Ganzen
fynchronifch, Ausführung fukzeffiv. So wird jeder Teil wieder im Ganzen auf-
gehen.

Loucheurs Programm ift genau abgegrenzt: Konftruktion von 260000 Woh-
nungen.

Aber wie werden diefe Wohnungen verteilt werden ? Als Erltes alfo: Städtebau.
Dann aber: woraus besteht die heutige Stadt, die Grofjftadt, die Kleinstadt?
Wir brauchen Analyfe, Statiftik, Beftimmung der modernen Funktion einer Stadt.
Ferner: wie find die Bewohner der Städte untergebracht? Gut? Schlecht?
Wir müffen das unterfuchen. Ganze Quartiere find alt, ruiniert, ein Herd der
Tuberkulofe. Benüfjen wir das neue Gefeh,, um fie zu zerftören, an ihrer Stelle
gefunde Wohnungen zu bauen. Aber nur fachte! Vielleicht beweift uns ja die
Analyfe, dafj in dem einen oder anderen Quartier garkeineWohnungen
nötig find. Und dafj die Theorie ein anderes Vorgehen verlangt. Nun
wird etwa gefagt: „Anhand der Gefundheitsftafiftik ftellen wir die Quartiere
feft, die niederzureiten find; an ihrer Stelle werden wir das Gefchäftsviertel
erbauen. „Das ift ein Irrtum. Wir müffen ganz im Gegenteil die Stadt als
Ganzes betrachten, fie analyfieren, abwägen und fo ein fauberes, gut funk-
tionierendes, wirkfames Generalfyftem aufftellen und fagen : „Hier ist der
ftrategifch beffe Ort für das Gefchäftsviertel, hier mufj es fein und nir-
gends fonft". Und weiterhin: „Diefes Quartier da darf nie mehr Bürger- oder
Arbeiterwohnungen enthalten". Und ferner: „Auf diefem Sektor da mufj die
Wohndichtigkeit verfünffacht werden, damit die Diftanzen fünfmal kürzer
werden". Refultat: „Wenn wir die Wohndichtigkeit verfünffachen, fo verfünf-
fachen wir auch den Wert des Bodens in diefem Sektor". Forderung: „Diefer
Wertzuwachs darf nicht in die Tafchen der Eigentümer fliefjen, fondern foll
der ffaatlichen Unternehmung zugute kommen, welche diefe Arbeiten im

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