Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

Page: 32
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/neue_frankfurt1928/0050
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
DISKUSSIONEN

ZUR NEUORIENTIERUNG DER UNIVERSITÄTEN

Verfuch eines Ausbaues Von Prof. Frit5 Drevermann, Rektor

der Univerfität Frankfurt a. M.

Der Wunich des Schriftleiters diefer Zeitschrift, aus dem Inhalteines

Vortrages einige Sätze für„DasNeueFrankfurt"zu(ammen zu ftellen,

läßt fich etwa folgendermaßen erfüllen :

1. Von Angehörigen aller Fakultäten wird (eit langer Zeit forgen-
voll feftgeftellf, daß die innerlich ganz verfchieden gearteten Auf-
gaben des Hochfchullehrers — Lehre und Forfchung — ihn fo
ftark belaften, daß er beide Zweige nicht gleichmäßig gut pflegen
kann. Auf der einen Seife verlangt die GelelKchaft von ihm die
Ausbildung der Jugend zu mannigfachen Berufen (Beifpiel: die
Naturkunde foll dem Arzte, dem Lehrer, dem Beamten der Induftrie
u(w. die Grundlagen des Wiffens geben und überdies den forlchen-
den Nachwuchs heranziehen); auf der anderen Seite bringt eine
ins Unendliche'gehende Zerfplifterung der analyfifch forttchreiten-
den Zweige der einen großen Wiffenfchaft es mit fich, daß kein
Forfcher mehr [ein eigenes Gelamtgebiet, gefchweige denn das
des Nachbarn, überfehen kann. Diefe Tatfachen haben zur Ab-
trennung befonderer Lehranltalten (Fach-Hoch(chulen), aber auch
zur Errichtung von Forfchungsinftituten geführt; dadurch hat die
Einheitlichkeit der Arbeit unferer Univerlitäten und der Bildung
Schaden gelitten. Eine Wegänderung der Forfchung, die
mit ihren Arbeitsmethoden Gewaltiges erreicht hat, ift zu gefährlich,
um lie befürworten zu können. Ein Ausbau der lehrenden
Methoden ift zwar denkbar, trifft aber den Schaden nicht fo, dafj
er ihn heilt. Die Verbindung von Forfchung und Lehre an
der Univerfität, mag fie zu mechanifch (ein oder nicht, wird von
allen Seiten für gut gehalten.

E i n e B e f (e ru n g des g e g e n wä rt i g e n Z u 11 a n d e s kann
nichtdurch radikale Aenderung, fondern nurdurch
vorfichtige Ergänzung erreichtwerden.

2. Es (teht weiter fett, dah die Univerlität in der Gegenwart als
Kulturträger, d. h. als Vermittler des Verftändniffes für die Be-
deutung wiflenfchaftlicher Arbeit und zur Weitergabe der Ergeb-
nilte an weite Kreife nicht in Betracht kommen kann. Die Kluft
zwifchen Volk und Univerfität findet ihre teilweife Begründung in
der Ueberlaltung der Univerlitäten.

Ein Aufblühen und Wuchern des gebrochenen und gedruckten
Schundes ift die natürliche Folge. Es i(t in der Sehnfucht der beften
Teile unteres Volkes nach einem Einblick in die wiffenfchaftliche
Arbeit, nach Antwort auf die von allen Seiten herandrängenden
Fragen begründet. Ignoranten (teilen (ich, leichte Verdienftmöglich-
keiten witternd, zwifchen Forfchung und Volk, auf der einen Seite
leichtfertig und oberflächlich raffend, nach der andern mit wichtigem
Mienenfpiel Unverftandenes austeilend.

3. U n (e r e F r a g e (t e 11 u n g lautet:

Wie können wir das gegenfeitige Verftehen der Forfcher unterein-
ander verbeffern, um damit ihre wilfenfchaftliche Arbeit zu fördern
und die Univerfitäten innerlich zu fettigen?

Wie können wir die Lehre beweglicher ge(talten,,(o dah fie, Wich-
tiges verbindend, Unwichtiges ausfchaltend, fich der wechfelnden
Frageffellung beffer anpaßt?

Wie können wir endlich zwifchen Volk und Univerfität eine Ver-
bindung herffellen und damit wenigltens auf einem Gebiete die
künftlichen Grenzen der Politik, des Glaubens, der Raffe, des
Standes unwirklam machen?

4. Verfuch einerTeillöfung.

Diefer umfaßt in vollem Bewußtfein zunächft „nur" die naturkund-
liche Seite der Wilfenfchaft, damit nach Anficht des Verfalfers aller-
dings die Grundlage alles Wiffens, alles Lebens, ja, des ganzen
Welfgefchehens.

Der Verfuch gründet fich auf den Gedanken, dah ein neuartiges
naturkundliches Mufeum der Zukunft durch enge Verbindung mit
der Arbeit der Univerfitäten der Mittler werden foll. Diefes Muleum
(oll nicht wie bisher dem Volke kleine Teilergebniffe naturkund-
licher Forfchung vorlegen, fondern a 11 e Zweige der Natur-
forfchung und -erkenntnis im weiteften Sinne ver-
einigen und die Ergebniffe durch Darftellung des Weges
der Forlchung verftändlich machen. Es foll nicht einfach die
Bilder des Lehrbuchs durch Objekte hinter Glas erfeßen, londern
es (oll, auf das Entfchiedenfte vom gegenwärtigen Gang derLeh re
abweichend, wie die Forfchung die Frage in den Vorder-
grund (teilen und darauf zu antworten fuchen. Da die Frage-
(tellung der Forfchung und mit ihr die Frageltellung der Menfchheit
(ich (tändig wandelt, muh das neue Haus beweglich (ein und
bleiben!

An jeder Univerfität erklärt jeder Forfcher (eine Bereitwilligkeit,
(eine Wege zur Löfung einer Frage nicht nur im Arbeitszimmer zu
verfolgen, (ondern außerdem in Einzelräumen darzultelfen und zu
ergänzen — eine lohnende, didaktitch anregende Tätigkeit nament-
lich für die forfchende Jugend. Wird z. B. eine Frage z. Zt. von fünf
„Wiffentchaften ' bearbeitet, fo (feilt jede den hierher gehörigen
Teil ihrer Methodik dar und paßt ihn dauernd dem Fort-
f ch ritt der Arbeit an. AKe fünf aber (teilen die gemeinfame
Antwort auf die Frage in anziehender und verftändlicher Form in
einem Räume aus, von dem Türen zu den fünf Einzelräumen führen.
Der Raum der Frageffellung und der (ich verfchiebenden Antwort
ift ebenfo für jeden frei geöffnet, wie die ernffen Seitenräume, in
denen die Einzelforfchung ihr Wegfuchen darfteilt.

5. Der erhoffte Nutzen:

Gemeinfame Arbeit führt zu(ammen und erleichtert durch Ein-

32
loading ...