Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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LUXUS ODER KOMFORT?

Von Adolf Behne, Berlin

Vielleicht, wenn wir von einem „neuen Wohnen" fprechen,.....vielleicht

fagen wir eine Tautologie? Vielleicht ift nämlich, darj wir wohnen, an fich
ein Neues?

Unfere Vorfahren alfo hätten nicht gewohnt?

Unfere Vorfahren haben gebaut, und es ift richtig, dafj fie in diefen Bauten
ihre Tage zugebracht haben. Aber es war zwifchen dem Bau und ihrem täg-
lichen, ftündlichen Leben eine Fremdheit und eine fpürbare Inkongruenz.
Man baute nicht für das Wohnen, fondern für die Regeln der Kunff; baute
nicht im Dienfte des Menfchen, fondern im Dienfte eines Formen-Ideals. Da
in den Bauten freier Raum entftand, konnten fich immer Menfchen in ihnen
eine Unterkunft fchaffen. Aber wohnen ift doch noch etwas anderes als ein Bt^Bfl
Dach über dem Kopf haben.

Sobald man fich aus den Archifektur-Gefchichfen unterrichten will, wie fich
eigentlich das Leben in den Bauten der Vergangenheit faktifch-praktifch ab-
fpielte, welcher Sinn, welche Logik, welche Rückfichtnahme auf den Menfchen

und welcher Grad der organifchen Zupaffung im Plan des Ganzen jeweils ^^^^^^^^^^^MHM^M

fteckt, bemerkt man, dafj die Bücher kaum etwas zu fagen wiffen. (Anfäfje hans wittwer, Basel
findet man in Ehmigs „Das Deuffche Haus" im Wasmuthfchen Verlag, Berlin). Atelier m emem Bureaugebaude (1927)
Meift erfährt man nur, ob die Säulen im Ober- oder im Untergefchofj dorifch
find, ob fie einfach oder gekuppelt ftehen, ob der Architrav verkröpft ift und
was für Wappenfiguren in den Tornifchen angebracht find, ob die hand-
werkliche Arbeit tüchtig und ob der Einfluß italienifch oder niederländifch ift.
Aber das find doch alles nur Faffadenangelegenheifen, Probleme dritten,
vierten Ranges, die mit Bauen wenig zu tun haben. Ab und zu findet man
freilich einen Grundriß, aber nur in den allerfelfenften Fällen enthält er ge-
naue Angaben über die Beftimmung der einzelnen Räume. Ohne eine genaue
Kenntnis der Raumbeftimmung und -nurjung ift aber ein Urteil über die
faktifche, nicht dekorative, fondern organifierende Bauleiftung garnicht
möglich.

Wichtig wäre alfo eine Baugefchichte nicht der Faffaden, fondern der zweck-
vollen Planungen, der fachlichen (nicht allein der konduktiven) Fortfehritte.
Ift es nicht eigentlich grotesk, dafj in allen Architektur-Gefchichten zwar
wichtig genommen wird, ob der Akanthus der korinthifchen Kapitäle fpirj- oder
breitlappig ift, nicht aber Vorhandenfein, Lage, Befchaffenheit des Abortes,
fo dafj erft ein Aufjenfeiter kommen mufjte, um uns die Gefchichte des Ab-
trittes zu fchreiben (Franz Maria Feldhaus: „Ka-Pi-Fu" Berlin-Friedenau,
1921, Privatdruck).

Immer wieder begegnet man der Auffaffung, dafj die Befirjer der pompöfen

Schlöffer unerhört komfortabel gelebt hätten . . . aber das ift ein Irrtum. Sie hans wittwer, BASEL

, . ■ , , i i- i i i i- i ii i Zeichenatelier in einem Bureaugebäude

trieben einen außerordentlichen dekorativen Luxus.....aber Luxus und (1927)
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