Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

Page: 34
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/neue_frankfurt1928/0052
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
ANDRE LURCAT. Haus Michel in Versailles (1925)

FRANKREICH

Die Situation

In Frankreich lind es nur ganz wenige Menfchen, die (ich um mo-
derne Architektur kümmern. Die grofje Maffe lebt immer noch in
den Ueberbleibfeln der Tradition, die es erlaubt, je nach Geld-
beutel und Gefchmack mehr oder weniger glücklich Salon und
Schlafzimmer, Bank und Kino auszuftaffieren.

Und wo (ich trotj der Hemmungen der Tradition moderne Ideen
frei entwickeln follten: im Induftriebau und in der ftädfebaulichen
Organisation — da zeigen fich die Schattenfeiten des franzöfifchen
Individualismus (denn es gibt keinen gröheren Individualisten als
den Franzofen). Keinerwürde es ertragenen einem Haus zu wohnen,
das demjenigen feines Nachbarn gleichfieht. Siedlungen, Garten-
ftädte mit einheitlich durchgeführten Typen fehlen daher faft ganz.
In den Vororten von Paris herrfcht ein unglaubliches Durchein-
ander, das die Folge ift einer Bauordnung, die — keine ift: jeder
(oll die Freiheit haben, auf feinem Grundftück hinzuftellen, was er
will; jede Befchränkung wäre eine Befchneidung der perfönlichen
Freiheit. Individualismus!

Bei alle dem ift aber diefe Unordnung nicht „malerifch" und nicht
zu verwechfeln mit einer eher germanifchen Neigung für das

ANDRE LURCAT. Grundrifie des Haufes Guggenbuhl.

34

ANDRE LURCAT. Haus Guggenbuhl, Paris (1927)

Pittoreske, für ftarke Gefühlseindrücke, für Romantik. Der Franzofe
ift im Gegenteil eher gefühlslos, der Verftand herrfcht vor, Logik
und Klarheit gehen ihm vor allem.

Was uns aber das Wefen der wirklich franzöfifchen Moderne be-
fonders verfchleiert, das ift der Umftand, daf} man in Deutfchland
natürlicherweife eher diejenigen kennt und anerkennt, die eben
gerade nicht typifch franzölifch find. So ift Le Corbufier Schweizer,
fein Hang zur Romantik und lllogik zeigt fich in allen (einen Werken
und gibt ihnen einen gewih grorjen Reiz, trotjdem die Theorien
Le Corbufiers uns vom Gegenteil zu überzeugen (uchen. So hat
ferner Mallet-Stevens fehr Itark unter holländifchem Einfluh ge-
(tanden, und fo erkennt man bei dem Elfäfjer Lurcat unfchwer eine
Romantik, die nicht franzöfifchen Urfprungs ift. Willi Vetter.

Grundriffe des Haufes Michel
loading ...