Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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Aufgabe der Malerei ift es, Werke zu fchaffen, die wie Gedichte find, Ge-
dichte von Formen und Farben.

Der Architekt trägt in feiner Art dazu bei, die Lektüre eines Buches, das An-
hören von Mufik, den Genurj eines Bildes angenehmer zu machen, indem
er ein Milieu fchafft, das hell ift, warm, friedlich und heiter.
Wir wollen keine Konzeffionen zwifchen Baukunft und Malerei. Nur keine
Kautfchuk-Kunft! Gegenfeitige Konzeffionen find gegenfeitige
Erniedrigungen. Aber Malerei und Baukunft werden gut zufammen-
gehen, wenn fie aus einem Geifte ftammen. Und diefer Geift, der allen
K ü n fte n g e m e i n fa m ift, ift der Geift der Baukunft. Er heiht foviel wie:
Sinn für Struktur.

Nicht alle modernen Architekten und Maler begreifen ihn; darum find ja
auch ihre Bauten und Bilder fo disparat.

Diefer Sinn für Struktur zeigt fich in der Überlegung, dafj alles fich auf Achfen
hin beziehen mufj, feien es reale, dynamifche oder geiftige Achfen, mit dem
Zweck, zu einer vollendeten Ordnung des Ganzen zu gelangen. Diefer
Sinn für Struktur führt zu klarer Geftaltung, zu Präzifion und Exaktheit. Er hat
einen Abfcheu vor allem überflüffigen. Ein Bau oder ein Gemälde, die unter
diefem Zeichen gefchaffen wurden, find mit Notwendigkeit innerlich ver- AMEDEEOZENFANT'PelnturePou''unba,'■1927
wandt. Weder die Baukunft noch die Malerei brauchen fich dann gegen-
feitig noch einen Zwang aufzuerlegen. Ihre Ehe ift eine Liebesehe.
Oft wird die Malerei für den Architekten unerträglich, weil er für fie befon-
dere Umftände machen mufj. Tatfächlich läfjt die Malerei im Allgemeinen
das Licht durch eine Farbgebung hervortreten, die nur unter befonderer Be-
leuchtung überhaupt zur Wirkung kommt.

Ich für mein Teil habe eine Technik erfunden, die gar keine befondere Be-
leuchtung braucht, fo wenig wie irgend ein anderer normaler Gegenftand.
In meinen Bildern wird die Form durch das Licht felbft modelliert, das durch
ganz beftimmten Farbauftrag feine Variationen erhält. In Wirklichkeit ift meine
Malerei eine Malerei nach drei Dimenfionen hin. Sie vermeidet alfo die
augentäufchende „lllufion", die fo fchlecht zu der Baukunft pafjt, die ihrer-
feits mit drei Dimenfionen arbeitet.

Sie verlangt vom Architekten keine befondern Vorfichtsmarjregeln. Sie hat
ihre eigene Exiftenz wie eine Vafe, eine Pflanze, wie irgendein beliebiger
Gegenftand. Sie erträgt fowohl die ffarken Tageshelligkeiten der modernen
Baukunft wie das diffufe Licht des Abends. Sie ift ffark genug, um in der
männlichen Umgebung der modernen Baukunft zu leben.
Wie ftehen Baukunft und Malerei zueinander?
Die Maler dürfen nicht mehr Fabrikanten kleiner Müfterchen fein.

Eine ftarkeMalerei foll die qroheBewequnq der modernen Baukunft beqleiten.
..... , i /rn f , v AMEDEE OZENFANT,Peinture pour une biblio-

Halten wir zulammen ! (Uberletjung) theque.1927

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