Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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Die Fenfter, die Karl Pefer Röhl für die Friedenskirche gefchaffen hat, zeigen, dafj
die heutige Malerei neue Perfpektiven den kultifchen Darftellungsmöglich-
keiten erfchliefjt. Die Gefamtftimmung des Lichtes, das durch die konftruk-
tiviftifch gewonnenen Fenfter in den Kirchenraum fällt, (chliefjf, vom Altar
gefehen, diefen zu einer klaren und harmonifchen Farbeinheit zufammen,
die felber ihre Parallele in der kultifchen Einheit einer evangelifchen Predigt-
kirche hat. Diefe Einheit dokumentiert fich in den Gedanken, die der Ablauf
des Kirchenjahres erweckt. In zweifacher Weife geben die Längsfenfter beider
Seitenfchiffe diefe Predigtgrundgedanken wieder, die fie durch die Art ihrer
farbigen Ausdeutung unterftreichen. Murj der heutige Maler bei feinen
Glasbildern ftärker als je mit dem Licht rechnen, das feine Bilder belebt, da
fie vom Farbwert leben, fo ift diefe Lichtbrechung für die Vormittags- und
Abendfonne fo gefchickt erwogen, dafj die gegenüberliegenden Fenfter,
zweimal an einem Kulttage gefehen, das Erlebnis im Sonnenlauf eines Tages
geläutert zeigen. Es entfprechen fich rechts und links das aus der Farbe
des geronnenen Blutes konftruktivifch erwachfene Leidens- und das aus
leidendem Blau erftandeneKarfreitagsfenfter als nächfte Nachbarn des Altares.
Sie gehen über in die fich entfprechenden, aus warmem Gelb gewonnenen
Öfter- und Frühlingsfenfter, die in der Mitte des Kirchraumes ihre Höhe in
den in allen Möglichkeiten des Grün leuchtenden Pfingftfenftern finden. Sie
werden dem evangelifchen Gemüt wie eine malerifche Variation über das
Motiv des Pfingftliedes fein: „Schmücket des Feft mit Maien, laffet Blumen
ftreuen." Den Abfchlufj bilden die fattfarbigen Weihnachtsfenfter, die ihrer-
feits überleiten in die tiefere gedankliche Verankerung evangelifcher Chriftia-
nität der drei Hochchorfenfter über der Orgel, die aus Blau über Rot in Grün
wachfend Glaube, Liebe, Hoffnung als Krönung undAbfchlufj des Kultraumes
und der in ihm befchloffenen Geiftigkeit ausdrücken. An diefen drei an-
fchliefjenden Fenftern, gegenpolig dem Altar und damit dem Amtierenden,
alfo dem gefprochenen Ausdruck, ift die Farbfertigkeit als Ausdrucksmittel
kultifcher Gedanken am ftärkften erkennbar. In der Scheitelhöhe des Tages,
unter der Mittagsfonne offenbaren fie am reinften die tiefere Myftik des
Künftlers, der in der Abwandlung der Farben, ihrer Verwandtfchaften und
Kontroverfen die Stimmung erweckt, die in Farben gefprochen einMenfchen-
gemüt, das fich auf fich felbft befinnt, in fich bergen kann. Klingen unter der Mit-
tagsfonne die Farben der Fenfter zufammen, fo erwächft aus den Farben belebt
der Raum in feine lerjte Bestimmung, Getrenntes zu fammeln und zur Einheit
des höheren Seins zu erheben. Nicht vergeffen darf werden, dar} der Künft-
ler an einer wenig gefehenen Stelle auf kleinftem Raum die genannten Ge-
danken vielleicht am reinften zufammen gebunden hat. Das ift die Farb-
ftimmung und Farbwertigkeit des kleinen Deckenfenfters der Taufkapelle.
Wenn man einen Rat geben darf, fo müfjte man von oben her eine Licht-
quelle fchaffen, die diefes Fenfter zu feiner Wirkung befreit.

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