Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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Aufwand von Energie den Schülern übermitteln mufjte. Gab es auch Zeichen-
und Mufikräume in unferen höheren Schulen, fo kann man doch nicht fagen,
dafj fie über ihre Zweckbeftimmung hinaus nun auch diefer Beftimmung ge-
mäfj eingerichtet waren. Nun haben wir begriffen, dafj eine Schule, die
wirklich ernft damit macht, die Energien ihrer Schüler zu entwickeln, nicht
alle aktive Anftrengung auf die Seite des Lehrers legen kann. Vielmehr
muh fie fo eingerichtet fein, dafj fie Angriffspunkte für die Energie der
Schüler bietet, dafj fie Mittel zur Entfaltung diefer Energien durch Arbeit zur
Verfügung ftellt. Sie entlaftet alfo auf der einen Seite fcheinbar den Lehrer,
gibt ihm aber in Wirklichkeit eine völlig veränderte Funktion. Seine Einwir-
kung wird mittelbarer, und zwar gefchieht fie durch die Organifation der
Arbeifsftoffe und der Arbeitsmittel, die zu ihrer Löfung bereifgeffellt werden,
alfo durch eine Organifation nach der fachlichen Seite und, wie man hinzu-
fügen mufj, durch eine Organifation auch nach der perfönlichen Seite, alfo
je nach der Eignung der verfchiedenen Schülerindividualitäten. Die erfte
Leiftung der Organifation ift alfo die für die fpezififchen Aufgaben und an-
zuwendenden Methoden zweckmäßige Einrichtung der Werkräume, damit
kooperative, felbftändige Gemeinfchaftsarbeit der Schüler möglich wird.
Aus diefem Grunde haben wir für unfere künftlerifche Abfeilung, die der
bildenden Kunft und der Mufik gewidmet ift, folgende Räume vorgefehen:
einen Raum für plaftifche Arbeiten, in dem alle Materialien und die Arbeits-
mittel für plaftifche Verfahren untergebracht find. Einen grofjen Zeichenfaal,
in dem die Techniken des Pinfels, der Feder und des Stiftes angewandt werden,
einen für die verfchiedenen Druckverfahren. Ein vierter und fünfter Raum
nebft Nebenräumen dienen den Lichttechniken, alfo den Bedürfniffen der
Photographie und des Films; ein fechfter ift als Studiobühne gebaut, dient
alfo der Geftaltung mit den Mitteln des eignen Körpers. Für mufikalifche
Zwecke ift ein Orchefterraum, ein Raum für Gefang und einer für Mufiktheorie
vorgefehen.

Es verfteht fich von felbft, dafj jeder Raum wieder nach dem Prinzip der Ar-
beitsteilung und der Arbeitsgemeinfchaft, wie ein guter Werkraum, organifiert
ift. Das gilt fchon für die Gröfje und die Form der Räume, die ihrem Zweck
angepafjt wird. Das gilt weiter für die Belichtung und für jede Einzelheit der
Einrichtung, befonders die Anordnung der Arbeitspläne mit dem zugeord-
neten Arbeifsmaterial. Ich fage hier nur foviel, weil die Einzelheiten vielleicht
nicht intereffieren.

Erziehung zur Kunft wird alfo bei uns in der neuen Schule in einem fcheinbar
viel negativeren Sinne betrieben werden, als es gewöhnlich gefchieht. Wir
gehen von der Überzeugung aus, dafj Kunft nicht gelehrt werden kann; dafj
die Schule das ihre tut, wenn fie den künftlerifch Begabten eine wirklich tüch-
tige handwerkliche Bildung durch Bereifftellung aller Arbeitsmittel gibt. Wir
fehen in diefem Sinne keinen Unterfchied zwifchen unferer Arbeit auf den

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