Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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Ich muhte das vorausfchicken, um eindeutig klarzuftellen, dafj die neue bau-
liche Geftaltung nur ein Teil und nicht einmal der wichtigfte der neuen Schule
fein kann, die uns vorfchwebt, dafj die Reform des pädagogifchen Unterrichts
Vorausfetzung für die Geburt jener Schule ift, die wir uns als die Schule der
Zukunft wünfchen, die Schule, vor der die Jugend nicht mehr zittert, fondern
in die die Schüler mit Begeiferung wandern und in der fie nicht mehr „fchul-
meifterlich", fondern aus warmherzigem Verftehen heraus herangebildet
werden, in der in gemeinfchaftlichem Gedankenaustaufch, gemeinfchaftlichem
Studium die Grundfteine zu einem kraftvollen Charakterbau gelegt werden,
der den Stürmen des Lebens zu trotzen geeignet ift.

Nur die wenigften Schulen werden in der Lage fein, unabhängig von dem
vorgefchriebenen Normallehrfyftem, auf Grund befonderer minifterieller Er-
mächtigung, verfuchsweife neue Wege zu gehen und damit einer allgemeinen
Reform Bahn zu brechen. Das Gros der Schulen, fowohl der Volks- wie der
höheren Schulen, wird noch auf längere Zeit hinaus die alten Wege wandeln
müffen, ohne dafj damit gefagt werden foll, dafj diefes Unterrichtsfyftem als
folches immer verfagen müffe. Noch zu jeder Zeit hat es Pädagogen von
Berufung gegeben, die auch im alten Rahmen verftanden, ihre Schüler zu
feffeln, zu begeiftern und jenes Vertrauensverhältnis zu den jungen Men-
fchen, die unter ihrer Obhut ftanden, herzuftellen, das die erfte Voraus-
fetzung für den pädagogifchen Erfolg war und bleiben wird. Wieviele ge-
rade diefer geborenen Pädagogen werden bedauert haben, dafj die formale
Geftaltung der Schule alten Stiles einfchliefjlich jener modern aufgemachten
alten Schulen ihre Arbeit fo unendlich erfchwerte. Wie oft mögen empfind-
fame Pädagogen gefühlt haben, dafj die im Zeitalter der Mietskafernen
entftandenen Schulkafernen, jene hochgefchoffigen Bauten, in denen beider-
feits eines mehr oder weniger dunkler Korridors die Klaffen mit ihren feften
Bankreihen angeordnet waren, in den Kindern Unluft und Beklemmung her-
vorriefen, Gefühle einer Hoffnungslofigkeit und Schablonenhaftigkeit, wie
fie ähnlich nur die militärifche Drillkaferne auszulöfen pflegte.
Zweifellos ift es möglich, einen Fortfehritt im Schulwefen auch fchon allein
durch bauliche Reformen anzubahnen, durch Schaffung eines Schulfyftemes,
das auf das empfindfame Gemütsleben Jugendlicher zugefchnitten ift. Schon
bei der Einordnung der Schulen in das Stadtbild muh die Reform beginnen.
Setzte man im letzten Jahrhundert die Schulbauten meift an eine beliebige
Stelle im Stadtplan, wo man gerade eine Parzelle frei hatte, ohne Rückficht
auf Störungen durch Ge räufch und Schmutz des vorbeiflutenden Verkehrs,
ohne Rückficht auf die immer gefährlicher werdenden Schulwege, auf denen
die Kinder durch Fuhrwerke und Schauftellungen aller Art, die ihre Phantafie
in ungünftigem Sinne beeinflußten, gefährdet werden, fo war die hinter uns
liegende Epoche darauf bedacht, die Schule ftädtebaulich als point de vue
oder zur vertikalen Staffelung von Baumaffen in fonft flach gelagerten Bau- lageplan

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