Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 3.1929

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wie der Bauer mit der ganzen Familie aus einem Napf zu effen, blofj weil
die Art unferes Effens aus England ftammt. Für das Sitjen gilt dasfelbe.
Unfere Gewohnheiten ftehen den englifchen viel näher als denen des ober-
öfterreichifchen Bauern.

Unfere Tifchler wären alfo zu denfelben Refultaten gekommen, wenn man
fie hätte gewähren laffen und wenn fich nicht die Architekten hineingemifcht
hätten. Wäre in der Annäherung der Formen dasfelbe Tempo eingehalten
worden, wie es feit der Renaiffance- bis in die Kongrefjzeit eingefchlagen war,
dann gäbe es auch in der Tifchierei keine Länderunterfchiede mehr, wie fie
in den blühenden architektenfreien Gewerben fchon lange nicht mehr be-
gehen: Im Wagenbau, in der Juwelierkunft, in der Ledergalanferie. Denn
zwifchen einem Londoner und Wiener Tifchlerverftand befteht kein Unter-
fchied, zwifchen dem Londoner Tifchler und dem Wiener Architekten liegt
aber eine ganze Welt.

DAS MASS ■ DAS RICHTIGE MASS • DAS MINIMUM=MASS

ll_f___ Ii.._ J u^L.I Von Architekt Marl Stam, Frankfurt a. M.

der billige wirtshaus= und küchenstuhl Unlere Hausgeräte und Möbel.

Modell der Holzinduftrie Ettenheim (Baden)

Im täglichen Leben bedienen wir uns von früh morgens bis fpät abends vieler
Geräte. Am Frühftückstifch haben wir das Kaffeegefchirr, Meffer und Gabel.
Wir haben unfere Bücher, Füllfederhalter, Tafchenuhr.

Sie vereinfachen unfer Leben. Mit all dielen Dingen gehen wir täglich um.
Ihr Mafj ift das Mafj unferer Hände, unferes Körpers, das Mafj der Brauch-
barkeit. Das richtige Maf} aller diefer Gegenftände entfpricht dem Gebrauch.
Der Tifch und der Stuhl entfpricht den Mafjen unferer Glieder.
Stahlrohrsessel, Modeil Marcel Breuer. [)as richtige Mafj ift gleichzeitig das Minimum, da es unrichtig wäre, unfer

Herftellung Standard Möbelfabrik Berlin 3 ' f a ' . , . ,

Gefchirr gröfjer und fchwerer zu machen als nötig; es wäre unrichtig, unfere
Stühle gröfjer, fchwerer und repräfentativ zu geftalten. Sie follen nur unferen
Anfprüchen genügen, d. h. fie follen leicht und beweglich fein.

Unfere Räume und unfere Wohnungen.

So wie die Gegenftände in unferen Wohnungen dazu da find, um uns das
Leben zu erleichtern, fo find auch unfere Räume und Wohnungen dazu da,
um uns zu dienen. Sie müffen uns helfen zu leben, fie müffen uns unterftütjen,
fie müffen unfere Leiftungsfähigkeit fteigern.

Die Mafje unferer Räume follen den Mafjen des Menfchen Rechnung tragen,
follen von den phyfifchen und pfychifchen Bedürfniffen ausgehen.
Sie follen einerfeits eine felbftverftändliche Aneinanderreihung der Ge-
brauchsvorgänge, andrerfeits eine Erholung von der Tagesarbeit ermög-
lichen.

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