Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 3.1929

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der neuen Idee? Selbft von der Gegenwarf der Nachwelt ein
„Bild" zu geben, — alfo Hiftorie machen? Durch die Vorführung
erzieherifch wirken, — den aeffhetilchen Schulmeifter [pielen? Durch
aktuelle Inhalte und Aufgaben größere Befuchermaffen heranzie-
hen? All das hat aber fachlich nichts mit dem geforderten Ziel zu
tun, und umgekehrt erfüllt (ich der Sinn eines Mufeums weder in
der Überlieferung gefammelten Materials, noch hat es die Million
einer Erziehungsanftalt, noch beruht leine Popularität auf dem
Maffenbefuch.

Letten Endes hängt es von dem Graddes Vertrauens in die Lebens-
kraft der Gegenwart ab, ob und in wie weit einem die Schaffung
und die Mobilifierung befonderer Stellen und Organifationen
hierfür wefentlich erfcheint. Glaubt man wirklich, dah die lieh for-
mende Geftalfung unleres Dafeins eine fyftematifche Demonltra-
tion durch ein Mufeum nötig hat? Gewiß, eine regulierende, auf-
klärende Funktion kann nichts fchaden. Aber man muß fich doch
fragen, ob die erreichbaren Mittel und Kräfte für kulturelle Arbeit
wirklich durch große Organifationen und Einrichtungen der geplan-
ten Art fich am direkteften und fruchtbarften auswirken.
Troß aller Schwerfälligkeit und Gleichgültigkeit der Menge ent-
wickeln fich die Dinge, um die es fich hier dreht, aus dem zwangs-
läufigen Rhythmus des Werdens, und ihre Produktion und Geftal-
fung vollzieht (ich fchließlich durch das Gefetj von Angebot und
Nachfrage. Ihre Exiftenz und ihr Werden ift gefichert. Aber es gibt
auch wefentliche, fchöpferifche Kräfte, für die es — keine Nachfrage
In diefem Sinne gibt. Es find die wenigen eigentlich genialen Kräfte.
Auch fie find zeitgebunden und Ausdruck der Zeit, aber fie fügen
fich fchwerer ihrer Phyfiognomie ein, fchwimmen nicht so glatt
auf der fichtbaren Oberfläche des Zeitftroms. So wefentlich ihr
Schaffen ift, hat es doch in unfererZivilifation keine fefte und fichere
Stelle. Für ihre Geltung und Gültigkeit,ja für ihre Exiftenz bedarf
die Gegenwart weit mehr der wirkfamen Betätigung, als für all
das Erregende und Schöne, das die fonftige Produktion und Kon-
fektion der Zeit uns befchert. G. Swarzenski.

REPLIK

Wir werden demnächst noch weitere Äußerungen zu diefer wich-
tigen Frage hier wiedergeben. Heute feien nur die Punkte kurz
genannt, in denen wir die Anfchauung von Herrn Generaldirektor
Swarzenski nicht teilen können.

Vor allem: Begriff und Bezeichnung „Mufeum" für das, was uns
vorfchwebt, find völlig nebenfächlich. Daß der Name „Mufeum der
Gegenwart" gewählt wurde, rührt wohl daher, daß in den Mufeen
eine fefte, (taatlich fanktionierte Form der öffentlichen Schaufteilung
gegeben ift, in welche (ich das neue Unfernehmen äußerlich am
einfachften einfügen ließe. Ferner mag die Überlegung eine Rolle

gefpielt haben, daß ja auch die Geftalt des Mufeums (tändigen
Wandlungen unterliegt, und daß feine heutige, feit einem Menfchen-
alter gebräuchliche Form, an welche Swarzenski vor allem denkt,
[ich auch einmal auf Grund neuer Anfchauungen und Programme
aus einer altern entwickelt hat. Für die ledere wäre etwa, um ein
naheliegendes Beifpiel zu nennen, die einftige Sigmaringer Samm-
lung typifch — als Privatmufeum ein getreues Abbild damaliger
Mufeumsgrundlätje.

Ein zweiter Punkt: Die Mufeen fammeln ja längft zeitgenöffifche,
„moderne" Malerei und Plaftik. Einzelne könnten es noch wesent-
lich entfehiedener tun, andere tun es faft ausfchließlich, und jeden-
falls ift die Kunft der Gegenwart längft als Sammelobjekt für das
Mufeum legitimiert. Warum foll denn den übrigen Formen heu-
tiger Geftaltung der Eintritt in diefen Bereich öffentlicher Darbietung
und Diskuffion verwehrt werden, obfehon doch die Wichtigkeit
gerade diefer „angewandten", technifch gebundenen Formgebung
auch von den Zögernden anerkannt wird? Oder, wenn fie in den
gegebenen Rahmen des Mufeums nicht paffen — warum foll der
Rahmen, der ihnen gemäß wäre, nicht neu gefchaffen werden?
Sieht man alfo vom „Mufeum" und allen Alfoziationen äfthetifcher
und repräfentativer Art, die die heutige Auffaffung in fich birgt,
ab, fo fchält fich die Idee umfo klarer heraus, und wir freuen uns,
aus Swarzenskis Darlegung eine völlige Zuftimmung zu dem Ge-
danken als folchem herauszulefen. In welchen Formen nun ein
derartiger Aufbau zu gefchehen hätte, ob als Archiv oder als
Sammlung, ob frei oder in Verbindung mit Schulen, diefe Frage
kann nur im Zufammenhang mit den Fragen der Finanzierung
und der Unterbringung entschieden werden, und hier allerdings
glauben wir, dah die Initiative nicht bei den Produzenten, der
Wirffchaft, fondern unbedingt beim Staat oder der Kommune
liegen mühte, und daß dabei die Bemühung um die Formen der
Gegenwart nicht geringer fein dürfte als die Sorge um die Ver-
gangenheit. Ja, auch einer, wenn auch nur äußerlichen Verbindung
mit den beltehenden Mufeen, möchten wir das Wort reden, nicht
um mufeale Grundfäße auf das neue Gebilde zu übertragen,
londern im Gegenteil: weil wir uns von der unmittelbaren Nach-
barfchaft einer lebendigen, ftets fich erneuernden Schaufteilung
heutiger Formen einen anregenden und belebenden Einfluß
auf die Mufeen felbft verfprechen, ähnlich der unleugbar er-
frifchenden Wirkung, die bei Piskator und feither auch ab und
zu in Frankfurt der Film als Teil des Schaufpiels auf diefes felbft
ausübt. Denn auch das befte Mufeum erfüllt leine Aufgabe nur
dann, wenn es den Menfchen von heute zu ergreifen vermag,
auch es exiftiert nur, fofern es gefehen und womöglich geliebt
wird. Untere Augen und noch mehr unfer Empfinden für diefe
Werte aber wandeln fich von Jahr zu Jahr.

J. Gantner.

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