Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 3.1929

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BIOLOGISCHE UND SOZIALE
VORAUSSETZUNGEN DER KLEINSTWOHNUNG

Von Dr. Hagen, Frankfurt am Main

Nicht um die Aufteilung eines Programmes für die Idealwohnung des Ar-
beiters kann es (ich heute handeln, fondern um den Verfuch, äuherfte Kapi-
talknappheit, alfo hohe Zinsfüße und hohe Baukoften einerfeits und den
Wohnungsbedarf der arbeitenden Bevölkerung andererfeits, in ein tragbares
Verhältnis zu bringen. Das Kunftftück befteht alfo in einer Reduzierung der
Anfprüche, die an eine Wohnung geftellt werden, auf das Minimum, unter
Erfüllung aller taffächlich unumgänglichen Anforderungen.
Die Frage ift alfo, welche Lebensvorgänge fich heute in der Wohnung ab-
fpielen, und daraus ift abzuleiten, wie diefe Wohnung fein muh. 63 °|0 der
Geburten finden heute im Krankenhaus ftatt. Für die Geburt braucht die
Wohnung alfo keinen Raum mehr zu bieten. Auch der Tod und jede
fchwerere Erkrankung gehören nicht in die Arbeiterwohnung, fchon deshalb
weil die Arbeitskräfte fehlen, welche die dadurch entftehende Mehrarbeit
im Haushalt leiften können. Dagegen wird der notwendige Raum für eine \
kurze vorübergehende Abfonderung eines Familienmitgliedes nicht entbehrt
werden können. Schon aus diefem Grunde ift die Ein - Raumwohnung ab-
zulehnen. Vorausferjung für eine Haushaltsgründung ift meift die Heirat. ^\/\ ^^Jy /
Die Zahl der Geburten, welche in der Ehe zu erwarten find, beftimmt den \ ^ /
für die Kinder erforderlichen Raum. 1925 beftanden in Frankfurt rund 104 000

Ehen. Hierauf treffen 24000 Kinder im Alter bis zu 5 Jahren, 23 000 im Alfer wohnungibfu1Tfür Angetteftte, aufarbeitet
von 5- 10 Jahren, 35500 im Alter von 10-15 Jahren und 45 400 im Alter auf Grund des Programms Loucheur. 1928
von 15 - 20 Jahren, alfo insgefamt etwa 127 900 Perfonen, die fchärjungsweife
in diefen Haushaltungen wohnen, dabei find 32 000 Haushalte von Verwit-
weten und Gefchiedenen nicht mitgezählt. Demnach wäre auf jede Ehe nur
wenig mehr als ein Hausgenoffe zu rechnen. In Wirklichkeit muh die Zahl
etwas höher fein, da für eine Gefamtbevölkerung von damals 467 000
rd. 117 000 Wohnungen zur Verfügung ftanden, demnach durchschnittlich 4
Perfonen in einer Wohnung wohnten. Man könnte alfo die 4 köpfige Fami-
lie als Grundlage für die Kleinftwohnung annehmen. Unter den Wohnung-
fuchenden dagegen, welche aus anerkannt übervölkerten Wohnungen
ftammen, hat mehr als die Hälfte eine über 4 köpfige Familie. Auch diefe
Ziffer wäre für ein Kleinftwohnungsprogramm zu berückfichtigen.
So fehr wir alfo für eine junge Familie eine kleine Perfonenzahl in Rechnung
ftellen können, fo fehr müffen wir andererfeits unter den heutigen Verhält-
niffen auf die größeren Familien Rückficht nehmen, welche einen erhöhten
Wohnungsbedarf infolge ihrer gröberen Perfonenzahl haben. Selbft unter
Berückfichtigung der Zukunftstendenz, welche auch für die Arbeiterfamilie

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