Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 3.1929

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DISKUS

DIE GEISTER, DIE ER RIEF . . . !

Im neueften „Bauhaus"-Heft, das eine ausgezeichnete Sonder-
nummer für den fcheidenden Oskar Schlemmer ift, (prechen
R e n g e r - P a tz (ch und Vo r d e m b e r g e - G i I d e wa r t über
Foto-Inflation und beklagen es, daß nun die „ k ü n [ 11 e r i f ch e "
Fotografie die große Mode geworden fei. „Das Rezept für den
Erfolg: man type von oben oder von unten. Vergrößere oder
verkleinere enorm, der Mülleimer als dankbarftes Motiv . . . ."
Und wer lagt das? Man glaubt, nicht recht gehört zu haben —
Renger-Patzfch lagt es. Er, der für diele künltlerilche Fotografie
in Deutfchland die Parole ausgab, der die Welt (o fchön fand, und
fo fchön fotografierte, daß ihm alle höheren Töchter mit ihren Ko-
daks und Leikas blindlings gefolgt lind. Und dann kam die Stutt-
garter „Fifo" und brachte alle die Herrlichkeiten an den Tag, lo
deutlich, daß jefjt, wo die Fifo in Berlin gezeigt wird, Renger ent-
fetjt ausruft: „Rette fich wer kann."

Das „Neue Frankfurt" hat fchon im März gefagt, was zu all dieler
fchönen Fotografiererei zu fagen war. Nun gibt der Auffat} Rengers
erneut Gelegenheit, die Dinge an ihren richtigen Platj zu rücken.
Die Fotografie ilt ohne allen Zweifel in den letzten Jahren zu einem
fehr verfeinerten, in mancher Hinficht großartigen Werkzeug
der fachlichen Dokumentierung geworden. Für die Preffe.
für die Mikrofkopie, für die Landesplanung, für alle Arten von
Bildmitteilung, für die Reklame - lie ift fchlechthin unentbehrlich
und unerfeßlich. Darüber hinaus aber hat fie etwa unter den Hän-
den von John Heartfield oder Liffitjky als Mittel im Kampf
um geiftige und foziale Dinge eine Bedeutung gewonnen, neben
welcher aller Zauber der „fchönen" und „künftlerifchen" Bilder fchon
längff verblaßt und unwichtig geworden ift. Da liegt die eigent-
liche und große Zukunft der Fotografie, in der Dokumentierung,
in der völlig unprätentiöfen Bloßlegung des Lebens, und daß auf
diefem Gebiete ungefähr alles noch zu machen ift, das beweifen
die meiften unferer illuftrierten Zeiffchriffen mit ihrer unbegreiflich
mittelmäßigen Berichterftattung durch das Bild. Kunft ift damit aller-
dings (o wenig oder fo viel zu machen, wie mit einem rein nur auf
Hygiene, äußerfte Brauchbarkeit und Billigkeit abgeheilten Woh-
nungsbau. Mit andern Worten : Die Fotografie fei das, was lie tat-
fächlich fein kann: ein anonymes Hilfsmittel. Dann wird fie
in einigen wenigen Händen das Bette mit hervorbringen helfen :
Wirkung im Geiftigen! Gtr.

CERMAINE KRULL „METAL" (Siehe auch die BilderaufSeite241)

Bei dem Verleger Calavas erfchien hier diefe Mappe von Foto-
grafien. Trotjdem die Reproduktionen nicht immer die Güte der
Originalbilder erreichen, zeigen fie das große Können einer Foto-

S I O N E N

grafin, die ihr Wirken bewußt auf die Möglichkeiten der Kamera
und die Wiedergabe des Gegenftändlichen befchränkt. Das Ar-
tiftifche, das Gewollte, das Rezepfartige-Modifche, ift faft ganz
ausgefchieden. Und doch führen in manchen diefer Bilder die faft
klaffifchen Geftalfungsmittel - Kompofition, Bildausfchnitt, Auswer-
tung des Hell und Dunkel zu einer Ausdruckskraft, die derjenigen
der beften abftrakten Fotogramme ebenbürtig ift.
Was uns bei diefen Bildern „fchön" erfcheint, was uns ergreift und
gefangen nimmt, ift neben der Beherrfchung diefer rein grafifchen
Elemente, die Wahl des Dargeftellten. Krane, die Funktürme, Appa-
rate, deren Form durch rein funktionelle Gefichtspunkte beftimmt
ift, aber gerade dadurch in uns den Eindruck des Vollkommenen,
des Sinnvollen, des Organifchen, der in ihnen wirkfamen Kräfte
erwecken, fogar ohne daß wir ihren Sinn verftehen. Es find Dinge,
die wir lieben, weil fie neu und urfprünglich find, weil fie im
Gleichklang ftehen zu dem Leben um uns. In hundert Jahren wird
man fie zu dem zählen, was bezeichnend ift für untere Zeit.
Im Verlag der Reihe erfchien vor einiger Zeit unter dem Titel
„100 X Paris" ein Bilderbuch unferer Stadt, ebenfalls von Germaine
Krull. Trotj der konventionellen Hemmungen des Themas enthält
diefe Sammlung einige Aufnahmen, die uns mehr von Paris zei-
gen, als eine Fremdenführung im Autokar. Wir fehen die Markt-
hallen, das Leben und den Verkehr in den Straßen, die Dächer
und engen Höfe der Altftadt. Man könnte fie für zufällig halten
aber fie find ausgewählt als typifch und durch Ausnü^ung der
fotografifchen Mittel und die Beobachtung der Geferje der Kom-
pofition wieder intenfiv wirkfam. Roger Ginsburger, Paris

GERMAINE KRULL, Paris, Aus „Metal

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