Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 3.1929

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NEUGESTALTUNG DER MUSEEN

Hannover und der abftrakte Raum von Liffitiky. Hannover
i[t eine merkwürdige Stadt. Die Pflege der Kunft ift einmal in
Hannover fehr voran gewefen, als es vor ca. 95 Jahren feinen
Kunftverein gründete, den älteften von Deutfchland. Dann fchlief
man in Hannover mehr und mehr ein, bis im Anfang des Welt-
krieges die Gründung der Hannoverfchen Seceffion und der
Keftnergefellfchaft plötzlich neues künftlerifches Leben in Hannover
neben dem nunmehr lauf fchnarchenden Kunftverein, der feinen
Altersfchlaf auch wohl verdient hatte, erftehen liefen. Die Keftner-
gefellfchaft war eine Zeitlang in Deutfchland führend und genieht
heute noch hohes Anfehen. Dann gründete nach der Revoluiion
Herbert von Garvens aus feiner bedeutenden expreffioniftifchen
Sammlung eine Galerie moderner Kunft, und man konnte in den
erften Jahren nach dem Kriege in den 2 Ausheilungen Hannovers
wohl alles kennen lernen, was an neuer Kunft wuchs. Hannover
wurde die moderne Kunftftadt. Man pflegte mit befonderem Eifer
die bildende Kunft, Malerei und Plaftik. Leider hat die Galerie
von Garvens nur einige Jahre gelebt. Aber das Mufeum der
Provinz Hannover begann jetjt unter Leitung des Herrn Direktor
Dorner feine Kunftfammlungen neu zu geftalten und neue Kunft-
werke anzukaufen. Neben den Expreffioniften, die ja heute jedes
Mufeum kauft, kaufte das Mufeum der Provinz Hannover auch
einige abftrakte und konftruktiviftifche Gemälde und Plaftiken,
und Dr. Dorner lieh (ich durch Li(fit)ky, der faft ein Jahr in Han-
nover gelebt hat, einen Raum für die abftrakten Kunftwerke ent-
werfen, der jet)t fchon feit zwei Jahren ausgeführt ift, der erfte Raum
für abftrakte Kunft in deutfchen Mufeen. Kurt Schwitters.

EL LISSITZKY, Der abftrakte Raum im Mufeum von Hannover

STUHL-AUSSTELLUNG FRANKFURT

An der Wand Bilder von Piet Mondrian. Foto Grete Leiftikow

Auch die „Form" plädiert für das „Mufeum der Gegenwart"

Die Schriftleitung des „Neuen Frankfurt" hat im Leitartikel des
Februarheftes die Erwartung ausgefprochen, dah von den Aus-
heilungen moderner Formen und Gegenhände, die die Stadt mit
der Stuhl-Ausftellung zu veranftalten begonnen hat, jeweils die
beften Stücke abwandern follten in ein „Frankfurter Mufeum
der Gegenwart". Nun wird diefer Gedanke im 1. Aprilheft der
„Form" von deren Herausgeber W. Riezler weitergeführt. Riezler
meint allerdings, dah ein folches Mufeum nur in Berlin feine Auf-
gabe ganz erfüllen könne, und er fchlägt den Berliner Behörden
vor, aus ihrem Etat für Kunftankäufe von 400000 Mark jährlich
300000 für diefes Mufeum abzuzweigen.

Die Errichtung eines folchen Mufeums ift in erfter Linie eine Frage
der künftlerifchen Einfichf, nicht der Gröhe des Ortes. Da die Ob-
jekte, die es zu fammeln hätte, ja nicht durch irgend einen Selten-
heitswert auf phantaftifche Preislagen getrieben werden, fo würden
befcheidene Mittel für den Anfang genügen. Und da (cheint uns,
als biete [ich gerade für Frankfurt jefjt eine hervorragende Ge-
legenheit. Der neue Generaldirektor wird, wie er in feiner An-
trittsrede ausgeführt hat, den gefamten Mufeumsbeftand einer
Neuordnung unterziehen. Dabei ergäbe (ich die Möglichkeit, dem
begehenden Kunltgewerbemufeum diefes „Mufeum der Gegen-
wart" anzugliedern und es fortwährend aus den kommenden Aus-
heilungen zu fpeifen. Mufeum und Ausheilungen müßten fich ge-
genteilig befruchten und ergänzen. Gtr.

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