Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 3.1929

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BERICHT UBER DEN II. INTERNATIONALEN
KONGRESS FÜR NEUES BAUEN - FRANKFURT-M.

24. biS 26. Oktober 1929 Von J. Gantner

Der Kongrefj hat (ich im wefentlichen nach dem Programm abgefpielt, das
im 9. Hefte hier publiziert wurde. Sein Befuch war überrafchend gut. Aus
Deutfchland waren faft alle Mitglieder des „Ring" zugegen, und aus Frank-
reich, Holland, Schweiz, Skandinavien, Spanien, Polen, Rufjland kamen Dele-
gationen von teilweile zehn und mehr Mitgliedern. Insgefamt waren 18Staaten
mit etwa 130 Delegierten vertreten. Von den bekannteren Führern vermiete
man nur Le Corbusier, Oud und Lissitjky. Als der Präfident Prof. Mofer (Zürich)
am 24. Oktober die Verhandlungen eröffnete, war der „Hochzeitslaal" des
Palmengarten bis auf den lefjten Plafj befefjf.

Die Beratungen felbff gruppierten (ich um vier Referate, die ihrerfeits auf
den Ergebnilfen einer lange vorher veranftalteten Rundfrage beruhten:

1. Gropius-Berlin „Die foziologifchen Grundlagen der Minimalwohnung".

2. Bourgeois-Brüffel „Le programme de l'habitation minimum".

3. Schmidt-Bafel „Kritik und Verbefferung der begehenden Bauvorichriffen
in bezug auf die Minimalwohnung"

4. Jeanneret-Paris „Critique et modification des reglements exiftants".

Wir geben nachgehend eine kurze überficht über diejenigen drei Berichte,
in denen Ichliefjlich die Relultate des Kongrelles am lefjten Tage, 26. Okto-
ber, vor einem grofjen Publikum im Saxophon-Saale der Melle zufammen-
gefaht wurden. Vorher hatte der Präfident, Prof. Moler, noch einmal das Mani-
felt von La Sarraz vorgelelen, und nachher eröffnete Stadtrat May die fchon
erwähnten drei Ausheilungen.

In dielen Berichten find auch die Ergebnille der zeitweile außerordentlich
lebhaften DiskuKion zulammengefafjt, von der mehrere Gelichtspunkte lieh
auch in den Auflägen des vorliegenden Heftes wiederfinden. Der II. Kongrefj
für Neues Bauen bedeutet inlofern ein Novum in der Gefchichte der Behand-
lung architektonilcher Aufgaben, als er dem fo ungewöhnlich Ichwierigen und
wichtigen Problem der Kleinftwohnung von ganz neuen Seiten her zu Leibe
zu rücken luchte. Man hörte Verfechter foziologifcher, rein wirtfehaftlicher,
hygienilcher, medizinilcher Standpunkte. Es fchälte (ich dergeltalt ein ganz
neuer Begriff des Architekten heraus, als eines Mannes, der alle diefe Ge-
fichtspunkte in einem Kopf zufammenfallen und in die Realität überzuführen
haf. Von Architektur im alten Sinne war kaum die Rede; von Aefthetik über-
haupt nicht.

Der Kongrefj befchlofj, die Materie nächftes Jahr in Brülfel nochmal zu be-
handeln und [ie durch einige vom Prälidenten zu beftimmende Arbeitsaus-
(chüfle bis zur Diskuflionsreife vorbereiten zu laffen.

Für die zahlreichen Gälte, die an den Kongreh-Beratungen nicht feilnahmen,
hafte das Hochbauamt Führungen und Vorträge in der Art der „Frankfurier
Kurie für Neues Bauen" veranftaltet. Am Abend des erften Kongrefjtages
fand für alle Teilnehmer eine geleilige Zulammenkunft im grofjen Saal des
Palmengartens Itatt, bei der Frau Palucca mit einigen prachtvoll einfachen
Tänzen und Kurt Schwitlers als Conferencier und Vortragender mitwirkten.
Auf den 2. Abend hatte die Stadt Frankfurt zum Begrühungsmahl eingeladen.
Im Namen des Magiftrats fprach Ernlt May.

ZUSAMMENFASSUNG DES REFERATES VON

WALTER GROPIUS-BERLIN UBER „DIE SOZIOLOGISCHEN

GRUNDLAGEN DER MINIMALWOHNUNG"

1) entwicklungsgefchichtliche tatfachen.

die vergefellfchaftung der arbeit hat die fozialifierung eines grofjen
teils der ehemaligen funkfionen der familie zur folge gehabt,
die vergefellfchaftung der arbeit befördert: die verfelbftändigung
des individuums —auch der frau die durch zunähme der Ver-

kehrsmittel begünftigte freizügigkeit. die frühzeitige abwanderung
der kinder aus der familie.

die familie verliert (o die bedeutung als wirtfehaftseinheit für gü-
tererzeugung und güterverbrauch und teilt (ich in vermehrte und
kleinere einheifen, die zur abnähme der durchfehnifflichen haus-
haltsgröße bis zur abtrennung felbftändiger Wohnungen allein-
ftehender erwerbstätiger führen.

die verkleinerte familie ift nicht als rückläufige verfallserfcheinung
zu werten, fondern als zwifchenetappe auf dem zwangsläufigen
weg zur differenzierteren gefellfchaft.

wohnungstechnifch verlangt diefe erfcheinung eine zunehmende
Vermehrung und Verkleinerung der felbftändigen Wohneinheiten.

2) es ift deshalb falfch, die kleinftwohnung als eine behelfsform zu
betrachten, die große nachfrage nach kleinftwohnungen und ein-
zelne Wohnungen für ledige, gefchiedene oder alleinftehende
mütter mit kinder entfpricht einem echten bedürfnis. die ftatiftiken
der zivilifierten länder geben die durchfehniftsgröße der familien
mit 4 4,5 köpfen pro haushält an und die zahl der einzelhaus-
halte fteigt [tetig.

die wohnungspolitik einiger länder, die noch den bau von mittel-
und großwohnungen bevorzugt, ift überlebt und unwirtfehaftlich.

3) denn die unrichtige wohnungspolitik führt zu einem verfehlten
(tandard, der die allgemeinen anfprüche nicht befriedigt und das
zufammenwohnen fowie die untermiete begünftigt, weil die grö-
ßere wohnung wirtfehaftlich anders nicht ausnütjbar ift; fie führt
zur verweifung in überfällige altwohnungen und zwangsgeteilte
notwohnungen.

die wirtfehaft wird infolgedeffen mit unzeitgemäßen, zu großen
und zu teuren Wohnungen belaftet, die rafch entwertet und herab-
gewirtfehaftet fein werden.

die größenbefchränkung der wohnung infolge der dezentralifation
der familie ift eine gewollte und (innvolle und kann nicht als folge
vorübergehender wirtfehaftskrifen erklärt werden.

4) die verfchiebung der gefellfchaftlichen grundlagen erfordert
eine neue prägung des programms der minimalwohnung. durch
bloße reduzierung der älteren größeren Wohnungen in bezug
auf nutjfläche und zimmerzahl kann das erftrebte knappfte Opti-
mum nicht gefunden werden.

die moderne ftädtifche induftriebevölkerung geht aus der land-
bevölkerung hevor. fie behält ihre primitiven lebensanfprüche bei,
oft fogar in herabgefetyer form, ftatt anfprüche, die ihrer neuen
lebensform entfprechen, zu (teilen, der verfuch der zurückführung
ihrer wohnbedürfniffe auf die alte lebensform erfcheint aus den
dargelegten gründen rückläufig und mit der totalität einer neuen
lebensform unvereinbar.

5) die frage nach dem wohnungsminimum ift die nach dem ele-
mentaren minimum an luft, licht, räum, die der menfeh braucht, um
bei der Vollentwicklung feiner lebensfunktionen durch die be-
haufung keine hemmungen zu erfahren.

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