Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 3.1929

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DEUTSCHE MODERNE IN DER TSCHECHO«
SLOWAKEI

Wollte man Moderne in der Tlchechoflowakei belegen, fo mußte
man bisher (fefs auf tfchechifche Leiftung verweilen: imponierende
Künftlerverbände forgfen da für Wirkung und Publikum. Und der
Staat griff fördernd ein. Die Deutfchen ihrerfeits hatten wohl auch
manche intereffanfe Erfcheinung aufzuweifen, aber nur einzelne,
die ohne Wirkung und ohne Publikum bleiben mußten, da keine
irgendwie aktive Organifation fie ftüßte. So kam es, daß deutfche
Künftlerauch jeßtwie fchon immer abwanderten insReich, wo fie wie
ein Melzer, ein Kubin, ein Hegenbarth zu Einfluß und Anfehen ge-
kommen lind. Jetjt hat lieh endlich eine Gruppe junger deutfeher
Künftler der Tfchechollowakei zufammengefunden, die als „Pra-
ger Sezeffion" zum erftenmal mit einer Ausstellung in Prag
vor die Öffentlichkeit tritt. Man freut (ich über das Niveau und ift
überrafcht von der Zahl der Künftler, die folches Niveau halten
können. Aus kleinften Provinzneftern — der deutlche Siedlungs-
raum i(t ja arg gedehnt, was Zentrenbildung ausfchließt rücken
beachtliche Begabungen an (Bruder, Watjnauer, Bibus), die Pra-
ger rücken imponierender zufammen (Kopf, Kaulek, Charlotte
Radnifj, Bildhauer Vogel und Mary Duras). Internationale Luft
weht herein durch den in Paris zu Namen und Anfehen gelang-
ten Georg Kars, durchden Berliner Melzer, durch Richard Schrötter,
der jeßt wieder in Paris an einer fchönen Fundierung feiner ftarken
Begabung arbeitet. - Kurz und gut: eine erfreuliche Sache, die
der Unterffüßung durch Staat und vor allem durch Publikum wert
ift. So etwas wie eine oft-mitteldeutfche Mentalität kann fich da
herauskriftallifieren, wieder herausbilden denn in früheren
Jahrhunderten war fie imponierend. In [olcher Selbftbewußfwer-
dung könnte fie dann die Deuttchen diefes Landes heraufziehen
in einen entfehieden bejahten heutigen Geift. O. S.

HOCHBAU ODER FLACHBAU!

Zu diefer Frage, die bekanntlich auch den Frankfurier Kongrefj
für Neues Bauen eingehend befchäftigt hat, bringt die Zeitfchrift
„Bauhaus" in ihrer legten Nummer einen bemerkenswerten
Artikel von Hubert Hoffmann. Wir geben ihn hier mit leichter
Kürzung wieder.

die frageftellung muh, lauten: „für welchen typ menfehen ift das
(iedlungshaus die wohnform von größtem nußeffekt und für weichen
das mietshaus?"

beobachten wir z. b. das leben des kindes im mietshaus, lo mülfen
wir zu der auffaffung kommen, daß das mietshaus eine recht unge-
eignete wohnung für das kind darltellt, die bedürfnille des kindes
und damit auch der familie mit kindern werden viel eher im [ied-
lungshaus berücklichtigt. kinderwollen [pielen,herumtollen, lärmen,
buddeln, graben, pflanzen, tiere halten und vieles andere tun, was
im etagenhaus, wenn nicht ganz unmöglich, (o doch lehr erfchwert
wird, der weg über das treppenhaus ift für das kind langwierig und
belchwerlich — die mutter kann das kind nicht beobachten, die kin-

der werden viel häufiger als im (iedlungshaus in der wohnung (elbfi
(pielen - das ift einmal ungefünder und verurfacht zum anderen
lärm, den auch (tarke (challifolierungen nicht zurückhalten können,
die nachbarn befchweren (ich, es gibt ftreit zwifchen den parteien;
der mann wird, wenn er geiftig arbeiten will, durch den lärm des
kindes ge(tört. ein garten zu körperlicher arbeit, der wie im (ied-
lungshaus leicht und bequem zu erreichen wäre, ift nicht vorhanden,
der mann geht häufiger fort ins wirfshaus es entftehen familien-
zwiftigkeiten. das treppenhaus (auch der laubengang) iltdergeeig-
nete ort zum klatfeh. die familie fühlt fich bedrückt, unglücklich und
beobachtet, — in der hauptlache, weil das wohnbedürfnis des kin-
des nicht richtig erfüllt wird, für die mehrköpfige familie i(t alfo
zweifellos der flachbau die wohnform, die den größten nußeffekt

erzielt.---das kind braucht eine gewi((e (tabilität des wohnfißes,

um (ich ruhig entwickeln zu können, diefe i(t im (iedlungshaufe be-
dingt. — ein familienvater wird als folcher nicht fo häufig ftellung
und wohnung wechfeln, wie der ledige. — er hat größere ausgaben
als diefer, der garten am (iedlungshaus i(t eine willkommene
hilfe für die ernährung der familie, — die kinder können den gar-
ten beftellen und in Ordnung halten, der ledige würde gar nicht
daran denken, einen garten zu pflegen, felbteine rafenfläche würde
(ich kaum für ihn lohnen, da er den größten teil (einerfreizeit außer-
halb des haufes verbringt, im gegenfatz zur familie wird der ledige
freier, ungebundener und leichter beweglich (ein wollen. - - kinder-
lofe ehepaare, junggefellen, ftudenten etc. wohnen daher meift in
abvermieteten zimmern, hotels oder penfionen. abgefehen davon,
daß die allgemein verbreitete form des zimmervermietens exiffen-
zen (chafft, die nur vom „abvermieten" leben, ruft (ie fpannungen
und unruhe bei den vermietenden hervor. von beiden feiten
muß dauernde größte rückficht genommen werden. die familie
fühlt (ich nicht wohl und für den mieter ift dies eine wohnform, die
den bedürfniffen des ledigen nicht gerecht wird, gerade für dielen
leicht beweglichen menfehentyp wäre ein mehrftöckiges haus mit
gemeinfehaftseinrichtungen das erforderliche. diefes wohnhaus
würde allerdings (ehr verlchieden von dem alten maffenmietshaus
zu geftalten fein •— ähnlich etwa dem englifchen boardinghouse
oder apartmenthoufe. das atelierhaus des bauhaufes kann man be-
reits als eine löfung diefer art anfprechen.

diele Überlegungen empfehlen bei (iedlungen beide wohnformen,
mietshaus und (iedlungshaus zu verwenden, und zwar in gemachter
bebauung. — diefe kombination hat den Vorzug, daß die hoch-
häufer feil haben an der weiträumigkeit, dem gartenland der (ied-
lung, — die flachbauwohnungen jedoch die annehmlichkeilen der
gemeinfehaftseinrichtungen der mietshäufer mitgenießen, und die
(traßenkoften der getarnten (iedlung welentlich verbilligt werden,
die gemifchte bebauung dürfte vor allem für bebauungszonen in
der nähe des (tadtkerns eine günftigere form der bebauung dar-
fteilen, als reiner flachbau oder reiner (tockwerksbau.

hubert hoffmann, bauhaus

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