Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 3.1929

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I DAS NEUE

l FRANKFURT

\ MONATSSCHRIFT FÜR DIE PROBLEME MODERNER GESTALTUNG

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HERAUSGEBER: *i

ERNSTMAYUNDFRITZWICHERT «VERLAG ENGLERT UND SCHLOSSER ■ FRANKFURT AM MAIN

POLARITÄT ALS GRUNDSATZ von Prof.d,f.wichen

Man kann eine Kunftfchule als handelnde Einheit auffallen und ihren Aufbau ftreng zu
Gunlten einer einzigen Anfchauung betreiben. Gleichfam fafchiltifch Diefe Schule kann
mit ihrem leicht erkennbaren Umrifj und ihrer Gelchloffenheit wie eine gefteigerte künft-
lerilche Natur wirken und Erhebliches beitragen zur Ausbreitung einer „Richtung". Aber
in der Einfeitigkeit liegt die Gefahr der Starrheit. Das Ganze mag ratch in Blüte kommen
und wird möglicherweile noch ralcher verfchwinden. Zudem ift es nicht die Aufgabe einer
Schule, in dieler Weife nach aufyen zu wirken. Sie ift in erlter Linie eine pädagogifche,
keine künltlerifche Anftalt. Sie hat in erfter Linie für die Schüler zu forgen und nicht für
die Durchfetjung einer Kunltanfchauung. Wenigltens nicht unmittelbar. Sonft kann es
leicht gelchehen, dah Lehrbetrieb, Lehrer und Schüler zum Propagandawerkzeug
einer beltimmten Formgelinnung werden und dielen Mißbrauch mit Verarmung bühen
mülfen. Weil die Kunff weder Reklame noch Gewaltfamkeit verträgt.
Uns Icheint es daher viel wichtiger, die Erziehung fchöpferilcher Kräfte polarifch anzulegen.
Wie das Leben fich im Ausgleich polarifcher Spannungen vorwärts bewegt, fo muh; auch in
einer Kunftfchule, wenn fie (ich (elbft vorwärts bewegen und der Zukunft verbinden foll,
eine gewille Gegenlätjlichkeit der wirkenden Kräfte herrlchen. Wichtig i(t nur, dafj alle
diefe Kräfte im einzelnen auf den Grundplan und ein allgemeines pädagogifches Ziel
bezogen bleiben. Und dafür hat der Leiter zu forgen.

Man darf Zweiheitlichkeif nicht fcheuen. Höchfte Schöpferleiltung beruht wohl immer
auf einem falt unbegreiflichen Zufammenzwingen von gegenfäfjlichen und (cheinbar
unvereinbaren Elementen. Beifpiel dafür find die Gipfelleiftungen der Plaftik aller Zeiten.
Ein Höchltmafj von natürlicher irregulärer Lebensfülle wird mit einem Höchltmafy von
Gebautheit und ftereometrifcher Grundform zur Deckung gebracht. Mannigfaltigkeit
aus dem Inneren und konftruktive Gefetjmähigkeit von auhen her, wie etwa im Stab-
träger Polyklets. Diele Erfahrung, die für jede Höchftleiftung zutrifft, gilt natürlich auch für

Zeichnung aus dem Unterricht für plaftifches die Erziehung zu folchen Leitungen, felblt wenn nicht die geringlte Ausficht beltünde, fie
Gertalten in der Vorklaffe je zu erreichen. So gelangen wir zum befonderen Syltem und zur Methode unlerer Schule.

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