Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 3.1929

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ftätten für die normalifierten Hausteile befi^en. Man baut nach 2
bis 3 Grundrihtypen, die von Jahr zu Jahr kleinen Verbefferungen
unterliegen. Ca. 70 % der Wohnungen bekommen Badezimmer
mit Gasöfen oder mit einer zentralen Warmwaflerverlorgung. Alle
Wohnräume, Küchen, Badezimmer, (ogar Treppenhäuler find mit
Radiatoren der Zentralheizung verfehen. Es liegt auch ein Projekt
vor, einen ganzen Stadtteil von einem Fernheizwerk aus zu be-
heizen. Einzelne Hausteile find normalifiert.

Es ift fehr lehrreich, die Bautätigkeit der Stadt Moskau mit der von
Leningrad zu vergleichen. Auch die Leningrader ftädt. Verwaltungs-
behörde „Otkomchos" arbeitet in engem Kontakte mit der werk-
tätigen Malle. Bevor „Otkomchos" an die Projektierung der erften
Wohnbauten heranging, wurden in politifchen Arbeiterorgani-
(ationen Diskuffionen über das neue Bauen veranftaltef. Die Lenin-
grader Arbeiter haben (ich damals für dreigetchodige Reihenhäufer
und möglichst viel zufammenhängende Grünflächen entlchieden.
Da Leningrad leit 1918 den Rang der Hauptftadt an Moskau ab-
getreten hatte und im Bürgerkriege Maffen der Arbeiter ins Dorf
zurückfluteten, ilt (eine Bevölkerungszahl (ehr (tarkzurückgegangen
und erft feit den legten Jahren wieder in langlamem Wachfen be-
griffen. In Leningrad gibt es weder eine (o grofje Wohnungsnot
wie in Moskau noch find die anderen oben erwähnten Schwierig-
keiten vorhanden. Während der Moskauer Arbeiter, der innig mit
dem Lande zulammenhängt und der vor kurzem zugewanderte
Bauer vor allem die Bequemlichkeit der Zentralheizung, des Bade-
zimmers und der Stadtnähe (alle Ämter und Bureaus befinden
(ich im Zentrum) (chätjt und (ie unter gegebenen Umftänden durch
das Hochhaus erkaufen muf), will der Leningrader Arbeiter, der
dem Typus eines europäifchen Grofyftädters nahefteht, in derVor-
Itadt wohnen. Die Vorltädte, in denen die Grofjinduftrie konzen-
triert war, Wolodarskij Rayon mit dem jefyt verftaatlichten Werk
von Obuchow, den man (einerzeit den ruffifchen Krupp nannte,
und Moskau-Narwa Rayon mit dem Metallwerk „Roter Putilow"
an derSpifje(die Anzahl der im Kriege hier befchäftigten Arbeiter
betrug 39000, jerjt ca. 10000) bekommen unter der Führung der
Arbeiter ein ganz neues Gepräge. Es ift hier ein neuer Typ der
Arbeiterftadt im Entftehen begriffen, welche in Grünflächen ein-
gebettet, lieh um 2 geiltige Mittelpunkte, um die neue Schule und
um das „Haus der Kultur" gruppiert. Das „Haus der Kultur" mit
feinem Theaterfaal für 2200 Zufchauer, 2 Konzertfälen für je 500,
2 Kinofäle für je 300, einem Turnfaal für 100 Perfonen, mit an-
f einliegendem Sporfplat), 30 Arbeiterklubzimmern für Bildungszirkel
ufw. befriedigt die kulturellen Bedürfniffe der Bewohner der neuen
Arbeiterftadt und emanzipiert fie vom Stadtzentrum.
Die Bautätigkeit von Leningrad konnte fich unter viel günftigeren
Verhältniden als diejenige von Moskau entfalten. Sie hatte nicht
zur Aufgabe die fchnellffe Unterbringung von Menfchenmaffen,
konnte in einem langfameren Tempo arbeiten und dabei den
Prinzipien der Auflockerung der Stadt nahekommen.

WOHNBLOCK IN DER TOLSTOISTRASSE. Bau des „Moffowjet" 1927 1928.
Architekt Nikolajew

NEUE PARISER ARCHITEKTURBÜCHER

Vor wenigen Wochen ift ein neues Buch von Le Corbusier
erfchienen: „Une maison — un palais" mit dem Untertitel „A la
recherche d'une unite architecturale" (Verlag Cres und Co.) Das
Buch ilt in der gleichen Weile ausgeltattet wie die bisherigen des
Autors und enthält u. a. das gefamte bildliche und dokumentarische
Material über den Völkerbundswettbewerb.

Auch Andre Lurcat ift nunmehr unter die Schriftfteller gegan-
gen. Soeben erfcheint von ihm ein Bändchen „Architecture", und
ein zweites, „Urbanisme" wird für die nächfte Zeit angekündigt.

Gfr.

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