Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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17. Iahrgantz.

Beiträge

sind an j?rof. Dr. L. von
Lützow (Wien, There-
sianumgasse 25) oder an
die verlagshandlung in
Leipzig, Gartenftr. 8,
zu richten.

10. November

Nr.

Inscrate

a 25 j?f. für die drei

IW1.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunft.



Aus dem Wicner Aünstlerhause.

Ende Oktober 1881.

Die Wiener Künstlergenossenschaft hat die Winter-
faison unter einem sür ihre Kasse sehr günstigen Stern
begonnen. Auf Anton Werners Berliner Kongreß-
bild folgte die Ausstellnng der Werke Wereschagins,
die noch in höherem Grade als jenes vielbesprochene
Gruppenporträt dcr europäschen Staatsmänner die
Masse des PublikumS anzuziehen imstande sind. Die
Kunst ini vollen und edelsten Sinne geht frcilich bei
beiden ziemlich leer aus, wenn auch die Ausstellung des
hochst begabten Russen ungemein viel des Jnteressanten
darbietct.

Über das Wernersche Bild hat sich ein Berlincr Be-
richterstatter bereits bei dessen erstcm Bekanntwerden in
diesem Blatte gcäußert (Kunst-Chronik, 1881, Nr. 30).
Wir könncn ihni in allen wesentlichen Punkten beipflichten.
Was Werners Gemälde vorteilhaft auszeichnet und auch
seine Wirkung auf die große Mehrzahl der Beschauer
wohl vornehmlich erklärt, ist eine gewisse plastische Kraft
der Darstelliing, welche den Gestalten Rundung und
äußeres Leben verleiht: eine Eigenschaft, wie wir sie bei
gut gemalten Panoramen zu finden gewohnt und dort
auch in erstcr Linie zu verlangcn berechtigt sind. Jn der
Perspektive dagegen sinden sich auffallende Mängel; bei
mehreren Figuren des Mittelgrundes vermißt nian die
ihrer Stellung im Bilde entsprechcnde Abtvnung; das
Selbstporträt des Malers ist in eine viel zu weite
Ferne gerückt. Aber die Hauptmängel des Ganzen sind
gcistiger Natur: es sehlt an jeder tiefcren Auffassung
dcs Momcnts und der handelnden Personlichkeiten;

man kann sich keine gewöhnlichcren Bildnisse bedcuten-
der Männer denken, als sie Werner hier geliefert hat.
Dasselbe gilt von den gleichzeitig ausgestellten Porträt-
studien, an denen die Originalunterschriften der Dar-
gestellten das Jnteressanteste sind.

Von einem viel geistigeren Reiz, teilweise nur von
einem allzu starken, sind die Werke W. Wereschagins.
Dieser russische Künstler, welcheni ein bedeutender Ruf
voraufging, hatte hier bisher, soviel wir uns erinnern,
niemals ausgestellt. *) Jetzt hat er mit einem Schlage
eine Popularität errungen und einen Massenerfolg cr-
zielt, welcher, selbst Makarts Triumphe mitgerechnet, in
der Geschichte des Künstlerhauses kaum seinesgleichen
gesunden habcn dürfte. Was er bietet, ist allerdings auch
mchr, als ein Künstler sonst auszustellen Pflegt: es sind
nicht nur seine Wcrke, es ist sein ganzer Ateliersckmuck,
ein fvrmlichcs Mnsenni von Waffenstücken aller Art,
Schmucksachen, kostbaren Teppichen, Kostümen u. dgl.,
womit der Künstler die Säle und den Treppenraum
des Künstlerhauses ausgestattet hat. Die Anordnung
zeugt von dem feinsteu Geschmack: jeder Tcil kommt
zu entsprechender Geltung, auch das kleinste Fleckchen
ist ausgenutzt, und doch herrscht nirgends Überladung.
Jm Mittelsaal und in den sechs Seitenräumen sind
die großen Bilder und Ölstudien ausgestellt, der
Treppenraum enthält die Zeichnungen, Schmucksachen
und teptilen Arbeiten, im Stiftersaal findet man die
nach Wereschagins Werken von Braun u. a. aufge-
nommenen verkäuflichen Photographien.

Eine Studie, die sich von ihm auf der Weltaus-
stellung befunden haben soll, ist uns nicht erinnerlich.
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