Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Ein Schmerzensschrei aus Schlesnng-Holstein.

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welche die erste Wahl treffen; diese wird dann einer
Centraljury für das deutsche Reich zur Begutachtung
nnterzogen werden. Es steht hiernach zu erwarten,
daß wir die dentsche wie die franzvsische Kunst in
Wahrheit nur dnrch eine Anzahl ihrer auserlesensten
Schöpfungen aus dem letzten Decennium vertreten
sehcn werden. Das eine mag nämlich bei dieserGelegen-
heit in Erinnerung gebracht werden, daß dem Pro-
gramm zufolge nur solche Werke in die diesjährige
Ausstellung Aufnahme finden dürfen, welche seit dem
Jahre 1873 (nach der Wiener Weltausstellung) ent-
standen sind. Auch verstorbene Künstler können ver-
treten werden, jedoch nur mit Werken, welche nach dem
angegebenen Termin geschaffen wurden.

Deutschland und Frankreich werden sich in die
Haupträume des Anbaues teilen; jenes wird den west-
lichen, dieses den östlichen Flügel einnehnien, und zwar
jedes einen großen oblongen Rauni und einen kleineren
Kuppelsaal, beide mit Oberlicht. Die übrigen, gegen
die Giselastraße zugekehrten Räumlichkeiten sind Belgien
und Holland, England nnd Spanien zugeteilt. Alle
diese Räume sind ebenerdig. Jm Parterre des alten
Künstlerhauses sollen die architektonischen Zeichnungen
und die Arbeiten der graphischen Knnst nntergcbracht
werden, und zwar in gemeinsamer, nicht nach Ländern
getrennter Anordnun.g. Dasselbe wird der Fall sein
mit den Aguarellen, welchen der im ersten Stvck des
Künstlerhauses gegen die Lothringergasse zu gelegene
Stiftersaal eingeräumt ist. Jn die übrigen Säle und
Gänge des ersten Stockes teilcn sich Osterreich nnd
Ungarn, Schweden und Norwegcn, Dänemark, Rnß-
land, Jtalien und die übrigen Länder.

Von den genannten Ländern haben Österreich,
Ungarn, Belgien, Holland, Spanien, Dänemark, Schwe-
den und Norwegen in cihnlicher Weise wie Frankreich
und Deutschland eigene Komits's; Rußland, England
und Jtalien bisher noch nicht, doch steht die Bildung
eines italienischen Komits's in Aussicht, nachdem die
über den Raumanspruch Jtaliens bisher sruchtlos ge-
führten Berhandlungen zn dem erwünschten Ende
geführt haben werden. Vvn England ist wohl wenig
zu erwarten, besonders da die gleichzeitige Londoner
Ausstellnng alle neuesten Erzeugnisse absvrbiren wird
und englische Privatsammlungen bekanntlich für alle
derartigen Unternehmungen ein MU ms tanAbrv
bleiben. Daß die englische Regierung sich für die
Sache interessire, verlautet bis jetzt noch nicht. Und
nur in diesem Falle könnte man hvffen, die Kunst
Großbritanniens cinmal ans dcm Kontinent entsprechend
repräsentirt zu sehen. Auch Rußland, nach desien
moderner Malerei Wereschagin die Menge lüstern ge-
macht hat, verhielt sich wie bisher Passiv. Doch können
wir von der Rührigkeit des Wiener Cenlrnlkomitö's er-

Warten, daß es auch aus denjenigen Ländern, welche
keine eigene Jury bilden, die besten Meister. zu ver-
treten wisien werde.

Daß man in Österreich und namentlich in Wien
sich der ernsten Aufgabe vollkommen bewußt ist, welche
man mit dieser ersten derartigen Ansstellung von inter-
nationalem Charakter übernommen hat, braucht nicht
versichert zn werden. Die Teilung der Arbeit hat
dem leitenden Komitö seine Mühe beträchtlich erleichtert.
Es kann sein volles Augenmerk auf die Vertretnng des
eigenen Landes richten, und wir hegen die Zuversicht,
daß ein gerechtes Walten der Jury uns vor Be-
schämungen jeglicher Art sicher stellen werde.

Den Kunstfreunden Wiens und den die Kaiser-
stadt besuchenden Fremden steht jedenfalls ein hoher und
seltener Genuß bevor, ein ebenso lehrreicher wie an-
regender Uberblick über die künstlerische Produktion der
Gegenwart und der letzten Vergangenheit. Mögen sie
sich desselben zahlreich erfreuen und ihre Liebe zum
Schönen durch werkthätige Teilnahme an dem Schaffen
der Künstler bewahrheiten! L.

Ein Schmerzensschrei aus Schleswig-^olstein.

Eine alleinstehende Erscheinung auf dem Gebiete
der Baukunst, für uns, bei allerdings recht bescheidenen
Ansprüchen, ebenso anlockend zur Kenntnisnahme wie
das Antependium von Quern und die Fresken zu
Büchen auf ihren Gebieten, ist die Kirche zu Hütten.

Die Querner Altartafel, aus vergoldetem Kupfer-
blech getrieben, ist unlängst verschwunden und wird
auch schwerlich wieder kommen, soviel man auch um
sie klagt (man hat sie vor einem Jahre unter der
Hand verkauft); die Büchener Wand- und Decken-
malereien, schon seiner Zeit dem Besuche des kunst-
sreundlichcn Kvnigs Christian VIII. zu Ehren, der
die Kirche besehen wollte, teilweise überweißt, werden
bedauert und vergehen in Vernachlässigung. Die Kirche
zu HUtten soll nun auch zerstört werden.

Was an ihr merkwürdig sein soll, wird den
wenigsten bekannt sein. Wenigstens wissen die gedruck-
ten Nachrichten (Schröders Topographie; danach Lotz'
Kunsttopographie und Jensens Kirchenstatistik sowie
Traps dänische Topographie) nichts anzugeben, als daß
wertvolle Ansstattungsgegenstände im 17. Jahrh. ge-
raubt worden sind. Sonst erwähnen sie (außer Trap)
nur das in der ersten Hälfte des Jahrhunderts offenbar
noch vorhanden gewesene „ältere Altarblatt" (Jensen,
es muß demnach 1841 auch schon ein neueres, auch
verschwundenes, gegeben haben), von dem noch mitge-
teilt wird (Schröder), es sei mit künstlichem, stark ver-
goldetem Schnitzwerke versehen gewesen, stelle außer
den Bildern mehrerer Heiligen die Jungfrau mit dem
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