Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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17. Iahrgantz.
Beiträge

sind an ssrof. Dr. L. von
Lützow (Wien, There-
sianumgaffe 25) oder an
die verlagshandlung in
Leipzig, Gartenstr. 6,

8. Iuni

Nr. ZH.
Inserate

L Lü pf. flir dle drei

,882.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Laokoonstudien.*)

H. Blümner beabsichtigt in einer Reihe in zwang-
loser Folge erscheinender Aufsätze „verschiedene ästhe-
tische Fragen zu behandeln, welche Lessing im Laokoon
resp. in den Entwürfen zur Fortsetzung aufgeworfen
und entweder eingehender beantivortet oder kurz ge-
streift hat". Die Richtschnur in der Behandlung dieser
Nntersuchungen sollen Lessings eigene Worte sein: „Blos
aus allgemeinen Begriffen über die Kunst vernünfteln,
kann zu Grillen verführen, die man über lang oder
kurz zu seiner Beschämung in den Werken der Kunst
widerlegt findet". Der Verfasser beachtet dabei das
einschränkende Wörtchen „blos" sehr wenig und will
„daher" die betreffenden Punkte „wesentlich vom kunst-
historischen Standpunkte aus" prüfen. Erst „von dieser
Prüfung aus sollen die Resultate abstrahirt" werden,
wclche nicht etwa theoretischer Natur bleiben, sondern
die praktische Handhabe bietcn sollen, mit deren Hilfe
„die Stellung, welche die gegenwärtige Kunst in diesen
Fragen zu nehmen hat, dargelegt werden" wird. Es
ist klar, daß mit diesem Programm die Untersuchungen
in eine ganz andere Bahn gelenkt werden, als in
welcher die Lessingschen sich bewegen. Lessing will
sreilich nicht „blos" aus allgemeinen Begriffen ver-
nüufteln; er rnft vielmehr den thatsächlichen Gebrauch
der Künstler stets zum Beweise herbei. Aber der Aus-

U Laokoonstudien von H. Blümner. Erstes Heft. Über
den Gebrauch der Allegorie in den bildenden Künsten.
Freiburg i. Br. und Tübingen 1881. Akademische Verlags-
buchhandlung I. C. B. Mohr (Paul Siebeck). 8. 91 S.

gang seiner Untersuchungen ist stets die ästhetische Be-
trachtung und nicht die Kunstgeschichte. Er „will ver-
suchen, Lie Sache aus ihren ersten Gründen herzuleiten":
dann macht er die Probe anf die praktische Kunst.
Und er thut gut daran. Hätte er sich an diese halten
und von dieser aus schließen wollen, so hätte ihn die
Mehrzahl der Dichter — und unter ihnen befinden sich
recht große Namen — von seiner Erkenntnis abhalten,
nicht aber zu ihr hinführen müsien. Das Genie, mit
einer richtigen Kunstübung und Einsicht in dic Kunst-
mittel vereint, ist die seltenste Erscheinung in der Kunst-
geschichte: die von seinen Werken abstrahirten Regeln
werden sich daher durchaus nicht in allgemeiner Be-
folgung finden. Blümner geht nun aber den umge-
kehrten Weg: seine Basis ist die kunstgeschichtliche Be-
trachtung. Wie wenig er damit erreicht, zeigt das
Resultat sciner Untersuchung, welches überall ein
schwankendes, teilweise ein sich widersprechendes ist. Es
kann auch gar nicht anders sein. Wenn auch im all-
gemeinen die Kunstgeschichte zeigt, daß die Allegorie
in Zeiten des Verfalls besonders hervortritt, so zeigt
doch dieselbe Kunstgeschichte, daß die größten Künstler,
die, deren Namen am hellsten klingen und mit über-
einstimmendster Anerkennung an die Spitze der Künstler
gestellt werden, nicht nur der Allegorie sich bedient,
sondern mit ihr auch Werke von unvergänglicherSchön-
heit und unzweifelhafter ästhetischer Wirkung geschaffen
haben. Solcher Thatsache gegenüber kann man auf
die Frage nach der Bcrechtigung der Allegorie, so lange
man die Kunstgcschichte zum Ausgangspunkt nimmt,
keine runde und nette Anwort geben: man muß „Kvn-
zessionen" machen. Wie sollte aber eine derartige Be-
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