Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Kunstgewerbliche Unterrichts und Organisations-Fragen.

straße einen der wenigen originellen Gedcmken, welche
die ganze Konkurrenz zu Tage gefvrdert hat, zur Aus-
führung gebracht. Auch Busse und Schwechten
(dritter Preis) haben den Eingang vom Königsstlatz
aus durch eincn theaterartigen Säuleuvorbau nnt
giebelgekrvnter Halle darllber vor dem Eingange nach
deiu Brandenburger Thore ausgezeichnet. Die Autvren
dicscs Entwurfes haben bekanntlich auf den Geldpreis
verzichtet. Aus tvelcher Ursache, ist nicht vffiziell er-
vfsuct Ivvrden, wie nbcrhaupt alleS Äußerlichc in dieser
Angelegenheit mit jener zugeknöpften bureaukratischen
Manier behandelt worden ist, welche man seit den Er-
eignisscn vou 1870 und 187k in Prcußcn bescitigt
gtaubte, dic abcr seit zwei bis drci Jahrcu schroffcr
und verlctzcndcr als je zuvor wicder zu Tage tritt. Am
Nachmittage des 24. Juni fällte das Preisgcricht scin
Urlcil, uud am 25. Juni mvrgens las man in der
Nvrdd. Allg. Zcitg. deu vsfiziellcn Wortlaut dicses
Urteils, nach welchem Busse und Schwechten aus den
Geldpreiö verzichtct hatteu. War dicser Vcrzicht ein
sreiwilliger oder gezwungener oder durch gcwisse Regeln
des Anstandes gebotcu? Nichts wird bekannt gemacht.
Was Wunder, daß Koujekturcn allcr Art gemacht
werdcn! Busse ist Regierungs- und Baurat im Reichs-
amt dcs Jnucru. Hat cr in dicser Eigenschaft auf
den Gcldpreis verzichtet oder verzichten müssen? Oder
hal cr, wic hier uud da behauptet wird, das Bau-
prvgramm frühcr gekannt als die anderen Konkurren-
ten uud aus diesem Grunve anf dcn Geldpreis vcr-
zichtet? Uud darf man endlich mit diesen Vvrgängcn
dcn neuerdings wieder in Erinncrung gebrachten Erlaß
des Ministers fllr öffentliche Arbeiten, nach welchem
Staatsbeamte sich nicht vhnc Genehmigung ihrcr vor-
gesctzten Bchördcu an eiucr Kvnkurrenz bcteiligen
dürfcn, iu Vcrbiudung sctzen? Osfiziös ist dies zwar
dementirt wordcn, aber man weiß, daß heutzutage von
den Offiziöscn allcs dcmentirt wird, was man zu
denicntiren wünscht. Für nnsere Bcurteilung dcr ganzcn
Angelegenheit ist es allcin maßgebcnd, daß kcine ofsi-
ziclle Kundgcbnng zur Berichtigung aller umlaufendcn
Gcrüchte crsolgt ist, woraus man beliebige Schlllsse
ziehcu kann. Dringend zu wünschcn wäre es aber, daß
von Seitc» dcr Rcichstagsabgcvrdneten einc Jnter-
pellation eingebracht würde zu dem Zwecke, die ganze
Reichstagsgebäudekvnkurrenz mit allen ihren internen
Vvrgängen bis in die letztcn Eckcn zu belcuchten. Eine
vvn Bcrliner Architckten ausgcgangcne Petitivn an dcn
Ncichstag Ivird viellcicht einc gecignctc Handhnbe
dazu bictcn.

Den Haupteingang haben Kayser und vvn Groß-
heim an die Südseite und zwar ganz nach Westen hin
verlegt. Dadurch ist die Südsassade allcrdings un-
symmctrisch geivvrdcn, vbwvhl sich die Architektcn die

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größte Mühe gegeben haben, dieseu Übelstand durch
cine gleichartige Gliederung des vstlichcn Risalits,
welches dem westlichen mit dem Eingangsthor ent-
spricht, möglichst wenig fühtbar zu machen. Über dem
Rustikasockcl dcs Erdgeschvsses erhebeu sich auf hohcu
Postamenten vier korinthische Säulen, zwischen welchen
im östlichcn Risalit drei Fcnster angcbracht sind, während
im westlichcn Risalit der Zwischenrauni zwischen den
beiden mittleren Säulen erweitert und dadurch der
Raum für ein brcites Pvrtal gewvniien worden ist. Jn
der Ausführung würde die unsymmetrische Gestaltung
dicser Fassade vielleicht gar nicht aufgefalleu scin, da
die malcrische Wirkung dcrsclben durch das Abwcichcn
vvu der Regelmäßigkcit nicht bceinträchtigt wvrden
wäre. Durch dicse Abwcichung habeu dic Künstler
aber, was am schlverstcn in die Wagschale fällt, eine
unvcrgleichlich schöne Flucht vvn Räunilichkciten ge-
wonnen, die durch ihren unmittelbaren Zusammenhang
eine stvlze Perspektive bilden. Jn der Dekvrativu
dicser Ränme, dcm Vestibüle, dem Treppcnhausc und
der zur Erholung und zu den Festen bcstimmten Halle,
haben dic Architcktcn cinc ganz uugewöhnliche Mcister-
schast entfaltct. Es ist schmcrzlich zu bedauern, daß
sv schönc und edle Jdecn auf dem Papier ihr Dasein
beschlicßen müssen. Adolf Nosenberg.

Aunstgewerbliche Unterrichts- und Organisations-

Fragen.

lSchluß.)

Als die wichtigsten Bildungsmittel sind öffentliche
Sammlungcn uud Mnsecu zum Zweck der an-
schaucndcu Belehrung des Publikiims und insbcsoudcre
der Handwerkcr, serncr die damit iu Verbiuduug zu
setzcnden Fachschulen für letztere und endlich die Ein-
führung der Elemente dcs Kunstunterrichtes iu die
Vvlksschule zu bczcichneu. Jn dcr vercinigtcn mcthv-
dischen Anwendung dieser Mittel liegt eine der be-
dentcndstcn Kulturaufgaben unserer Zeit, an dcren
Lösung sämtliche deutsche Stämme ohne Unterschied
der politischen Stellung mitzuwirkeu berufen sind.

Es wäre gewiß ein großer Fehler, die auf poli-
tischem Gebiet endlich erreichte Centralisation auf alle
anderen Kulturgebiete übertragen zu wollen. Hier
herrsche vielmehr freieste Konkurrenz aller mit allen,
soweit als mvglich ausgcdehnte Decentralisation! Mir
scheint dasjenige Volk das glücklichste Los gezogen zu
haben, welchem es gelingt, die richtige Mitte zn halten
zwischen straffer Centralgewalt, wie sie in allen poli-
tischen und militärischcn Dingen notwendig ist, und
der individuellcn Bcthätigung in allen freicn Künsten.
Mchr als jedes andere scheint das deutsche Vvlk be-
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