Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 4.1890-1891

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L>vettes Zuiü-Dett t§9t.

19. Ltück.

Lrscbeint

Derausgeber:

FerdtNÄNd Nnerlnrtns.

Lestellpreis:

vierteljährlich 2-/2 Mark. ^

Der Kauer in

lebt in Deutschland jetzt in einer wahren
literarischen Frühliilgsstiinmung. Ls ist
etwas in der Luft wie eine allgemeine
Lrwartung, eine allgemeine Geneigtheit.
Neue Zeitschriften schießen auf mit ueuen^offnungen uild
neueu j?rogrammen, und die alten treten ungewiß
von einem Fuß auf den andern; es kübbelt in ihnen,
in manchen ganz offenbar; man weiß nicht, ist es
die Gicht oder der Mutwillen mitzuthun. §ie wissen
es selbst nicht so genau, aber wahrscheiulich ist es
beides — eine püchologische Aufgabe! §ie legeu
die Aöpfe auf die Seite uud sehen um sich uud über
sich: ob es nun Frühling wird? oder ob es diesmal
noch nicht Frühling wird? Schrecklich unsicher!
Aber die Literatur bekommt so eiue unreine Lsaut.
Das ist immer ein Zeichen. Ob vom Frühling aber,
oder von einem bloßen Dorfrühling, auf den der
Minter dann um so ärger beißt, — — abwarten,
abwarten, wir sitzeu warm uud köunen's uns ansehen.

Übrigens wäre es nun auch bald Zeit, daß wir
eiue ueue Literatur bekämen. <Ls ist so eine Unruhe
im publikum, so eiue böse ^lust, die letzten Zahrgänge
seiner Lieblinge zu belächeln, und unsere gewiegtesten
verleger beschleicht eine Geschäftsunsicherheit. Ls ist
etwas Nnheimliches, etwas Undefinirbares, etwas ....
gewissermaßen, als wäre es nicht mehr genug, Schön-
literatur für die deutsche Frau zu verlegen, etwas,
als regte sich auch im deutschen Manne — — ach,
lächerlich!

Nein, der deutsche Ntann hat seine Fachinteressen . . .
übrigens, einen Rompromiß könnte man ja immer ver-
suchen.

Freilich, unsere großen alten Dichter, soweit sie
noch am Leben sind, — ach ja, wo sind die Zeiten
hin! 5ie sprachen Alles aus, was uns bewegt in den
Zahren nach dem Stimmwechsel, und ganz unoergleich-

der Literatur.

lich sprachen sie aus, was unsere Däter bewegte. §>ie
sprachen aus, was unsern vätern von selbst nie ein-
gefallen wäre. §ie waren ihre Zeit bis in die
Fingerspitzen. §ie waren durchdrungen von dem
ganzen Znhalt, den Zdealen, den Zielen ihrer Zeit,
und sie durchdrangen sie mit ihrem Znhalt, ihren
Zielen, ihren Zdealen. §ie waren das Bürgertum
von §8 in in seiner idealsten Gestalt, mit seiner idealsten
Haartracht.

Aber jetzt trägt man sein bjaar anders, und jene
Zeit — ist nicht unsere Zeit. Mir lesen jetzt ihre
Lchriften, wie man ein schönes Bild betrachtet. Ls
ist vollendete Runst, aber es ist eine Runst, von der
wir Abstand haben. Ls geht nicht jenes Nervenzittern
bei der Berührung mit ihr durch uns, als drehte sich
jedes Haar auf unserem Ropfe in seiner Murzel. Ls
überläuft uus nicht so heiß und eisig, als griffe ein
persönliches Lrlebnis in uns ein. Die Berührung ist
nicht mehr unmittelbar und spontan, und darauf legen es
unsere großen alten Dichter auch selbst nicht an. vor
Allem aber — — sie empören uns nicht mehr, ach,
sie empören uns nicht mehr, sie sind uns so selbstver-
ständlich, wir sind mit ihnen gewachsen, sie überraschen
uns uicht mehr, uud sie öffnen nicht, wie beim Zer-
reißen eines Dorhangs, jene plötzlichen, ungedachten
Ausblicke vor uns, in die man hineinstarrt mit stocken-
dem Atem, während man mit Grauen und Unlust
fühlt: nun ist das Gestern tot und das A'lorgen geboren!

Line neue Literatur mußte kommen, und eine neue
Literatur kam. §ie hieß: „j?apa bsamlet" und „Familie
Lelicke", „Bor Lonnenaufgang", „Das Friedensfest"
und „Linsame Menschen", „Die gute Schule" und
„b'iu cle siecle", „Zm Liebesrausch" uud „Fallobst",
„Lhre" und „Lodoms Lnde". §ie kain auf den
hohen Mogen einer hereinbrechenden Sturmflut frem-
der Literaturen. §ie kam auf dem Arbeiternacken


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