Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 2.1928

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Der Haupteinwand, der fich gegen die überfragung folcher Fabrikations-
methoden auf den übrigen „Hausrat" (wie es noch immer charakteriftifcherweife
heifjt - vergl. „Hausratgefellfchaften") erhoben wurde, war ein äfthetifcher,
beffer gefagt ein perfönlicher. Jeder foll zu Haufe feine Individualität haben,
feinem „Heim" den Stempel feiner Perfönlichkeit aufprägen können. Man
darf aber wohl mit gutem Recht fragen, ob die Möbel unferer Väter überhaupt
in diefem Sinne individuell waren. Was drückten fie zunächft aus? Wieder-
holungen entliehener hiftorifcher Stilelemente. War das die Individualität
der lefjten Generation oder die ihrer Ahnen? Diefe zeitliche Unftimmigkeit
zeigte auch die Unficherheit, mit der die Stile nachgeahmt und „perfönlich" zur
Wohnung zufammengeftellt wurden. Der Zwang der Billigkeit führte zudem
zur Talmikunft, die etwas an Qualität und perfönlichem Gefchmack vorgab, was
garnicht beftand. Der Individualismus der bürgerlichen Wohnung war ein
Scheinindividualismus. Was darüber hinaus an perfönlichem Gepräge
vorhanden war, hatte meift mit der Auswahl und Zufammenftellung diefer
ornamentierten Möbel gar nichts mehr zu tun.

Es ift ein reaktionäres Märchen, das Formproblem der Typifierung als reinen
Schematismus und als Verarmung zu bezeichnen, wobei jede perfönliche Note
von vornherein ausgefchloffen wäre. Die Qualität der Materialien und ihre
zweckdienliche Zufammenftellung fchaffen erft überhaupt die Vorausfetjung zu
einem neuen Stil, der den ganzen Entftehungsbedingungen nach auch unferer
Zeit entfpricht. Jede Zeit, der wir einen Stil zufprechen, war im Grunde einfach.
Sie baute aus den Elementen auf, die ihr zur Verfügung ftanden und war
daher im Grunde in allen ihren Lebensäufjerungen einheitlich. Sie wahrte
das Geficht, weil fie fich befchränkte. Sie experimentierte nicht in taufend
Stilen und Lebensformen. Die Anarchie der freien Willkür ift dagegen ohne
Zeitgepräge. Möbel und Geräte, die nur einer Perfon entfprechen (und das
allein darf individuell genannt werden) gibt es nicht! Es gibt nur ein modernes
Stilproblem, das den modernen ökonomifchen Vorausferjungen entfpricht oder
ein Chaos hiftorifcher Art.

Außerdem ift es heute nicht mehr feftzuftellen, welchen Anteil der Werkftatt-
arbeiter an der Herftellung irgendeines Möbels hat. Maschinen und Hand-
arbeit liefern äußerlich gleichwertige Produkte. Der Handarbeiter kann nur
noch flüchtig arbeiten, um die Konkurrenz der Mafchine, die das Aufjmaf}
und das Tempo der Fabrikation beftimmt, auszuhalten. Unfere Zeit verlangt,
dem Entwurfsmodell, das der Maschine zugeführt wird, die gröfjte Sorgfalt
entgegenzubringen, da, fobald diefe erft einmal läuft, fie ihren Standard
einhält und billig, fauber und präzife produziert. Der Kontakt zwifchen dem
Werkftück und dem Handarbeiter ift durch das Aufkommen der Mafchine
ohnehin ein- für allemal aufgehoben.

Soziale, wirtfchaffliche, technifche und äfthetifche Gründe vereinigen fich alfo,
um der Produktion von Typenmöbeln das Wort zu reden. Was hier nur unter

MARCEL BREUER
Ateliermöbel (1926)

MARCEL BREUER
Kantinenmöbel (1926)

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