Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 4.1913-1914

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Literatur zu den neuen
Kunstbewegungen

Allen denen, die nicht gewohnt sind, Neues von
vornherein mit bequemer Grundsätzlichkeit ab-
zulehnen, sondern zum mindesten den Versuch
machen wollen, einzudringen, bevor sie urteilen,
sei eine Schrift von D r. Ludwig C o e 11 e n
über „Die neue Malerei“ (München, Bonseis)
lebhaft empfohlen. Und nicht nur ihnen, sondern
auch allenen denen, die mit den neuen Kunst-
bewiegungen bereits entschlossen sympathisieren.
Auch sie werden eine Menge von neuen Auf-
schlüssen und Anregungen erhalten. Der Haupt-
wert der Schrift liegt jedoch darin, daß sie, wenn
sie nur einigermaßen ohne Vorurteil gelesen wird,
ein breiteres Publikum von Kunstfreunden ge-
winnen kann, die den neuen Ereignissen in der
Kunst bis jetzt mit einer etwas sonderbaren Er-
bitterung den Rücken gekehrt oder wenigstens
stark an ihnen gezweifelt haben. Coellen geht
ganz von unten auf zu Werke. Er erörtert die prin-
zipiellen Vorfragen der Kunst. Er erörtert sie —
und das macht die Debatte ungemein gediegen —
nicht abstrakt-ästhetisch, sondern kulturphiloso-
phisch. Er gibt eine Kulturphilosophie des Impres-
sionismus, der ihm nicht eine losgelöste kunst-
geschichtliche Erscheinung, sondern ein bestimmter
historischer Lebenstypus ist, und er zeigt, wie aus
der Katastrophe dieses Lebenstypus ein neuer Typus
hervorwächst. Er gibt dem neuen Lebenstypus
den Namen einer „neuen Romantik“, über den sich
streiten läßt wie über Manches, das in der Schrift
gesagt wird. Was der Name und auch die Schrift
im Grunde meint, ist gleichwohl gut und klar:
Coellen vertritt die begründete Meinung, daß sich
die seelische Disposition, die man impressionistisch
nennt und die mit einer gewissen schwunglosen
Naturwissenschaftlichkeit rein oder fast rein auf
die begrenzten natürlichen, gegenständlichen Ein-
drücke eingestellt war, immer mehr auflöst und
daß der impressionistische Materialismus einer
aprioristischen, einer ungegenständlichen, einer frei
dichtenden Geisteskultur Platz macht. Die Kunst
dieser neuen Kultur hat keine Organe für das Na-
türliche und Gegenständliche; ihre Organe sind
Organe einer frei verfügenden, einfach schöpfe-
rischen und überschwänglichen Einbildungskraft.
Coellen nennt diese Geistesdisposition Romantik.
Man könnte sie auch künstlerische Metaphysik
oder künstlerische Religiosität nennen. Es handelt
sich mit einem Wort um die Katastrophe des künst-
lerischen Monismus, um die Katastrophe einer rein
naturwissenschaftlichen Kultur. Die Dialektik der
Geschichte scheint uns in ein Gegenteil dieser
Naturwissenschaftlichkeit hineinzutreiben. Coellen
zeigt die Wandlung an van Gogh — über den er
übrigens bei manchem Schönen etliches sehr Miß-
lungenes sagt —, an Cezanne, an Hodler, an Gau-
guin, an Matisse und — ganz vorzüglich —• an
Picasso. Er behandelt die Fragen alle mit der
größten Ruhe: nicht apostolisch, sondern mathe-
matisch demonstrierend. Seifen ist in Kunstdingen
mit dieser ruhig überzeugenden Art gesprochen
worden. Wer diese Schri'ft intensiv gelesen hat,
der muß •— es ist gar nicht anders möglich — zu
den neuen Kunstbewegungen ein Verhältnis ge-
winnen, das mehr ist als ein stumpfes, uninteres-
siertes oder entrüstetes Nein.

Nächst der vortrefflichen Schrift von Coellen ist
die reizende Arbeit zu nennen, die der Pariser
Kunsthändler U h d e dem Andenken seines Freun-
des Henri Rousseau gewidmet hat (Paris.
Eugene Figuiere,) Dies Buch gibt sehr viel Prin-
zipielles über das Künstlerische überhaupt, über

die neue Kunst insbesondere. Es gibt weiter eine
köstliche Analyse der Seele des Malers Henri
Rousseau, dieses unvergleichlichen, herrlichen
Naiven. Alles aber ist bei Uhde in dem liebens-
würdigen Ton der Fabel geschrieben: ganz schlicht,
übrigens sehr unpreziös, mit der stillen und inngen
Selbstverständlichkeit, mit der Rousseau gemalt
hat und mit der die unzersetzten Ueberzeugungen,
die unbeirrbar Gläubigen den Dingen gegenüber-
stehen. Wer nicht gern philosophischen Stil liest,
tut vielleicht gut, zuerst diese Schrift und dann die
Coellens zu lesen.

Die dritte Arbeit, die der lebhaftesten Empfeh-
lung würdig ist, stammt von den französischen
Malern Albert Gleizes und Jean Metzin-
ger und führt den aufregenden Titel: „Du Cu-
b i s m e“. (Paris, Figuiere) Die Schrift ist sehr
wertvoll durch gescheite Formulierungen der
grundlegenden Kunstprobleme. Gleizes und Met-
zinger geben die Philosophie des „Bildes“, das
ihnen zu den Impressionen der älteren Generation
im heftigsten Gegensatz steht. Man sieht übrigens
mit angenehmen Empfindungen, daß diese Neuen
von jedem verbohrten Radikalismus fern sind. Sie
verehren Courbet, der das klassische Gegenteil der
modernsten Kunst genannt werden könnte: sie ver-
ehren ihn, weil alles, was irgendwie „Bild“ ist,
schließlich identisch ist. Sie zeigen dann, wie die
Kunst, um heut „Bild“ zu werden, einer Heraus-
arbeitung der bildschaffenden, das heißt rein for-
malen, konstruktiven Mittel bedarf. Allerdings:
eine spezifische Begründung des kubistischen Mit-
tels wird kaum gegeben. Aber vielleicht wäre es
ein böses Zeichen für die künstlerische, gefühls-
mäßige Notwendigkeit des kubistischen Mittel, ließe
es sich im Moment seiner praktischen Entstehung
sofort auf eine Doktrin reduzieren. Wäre es so,
dann wäre der Kubismus schon im Moment seines
Werdens Geschichte — Literatur. Aber so liegen
die Dinge nicht. Man sieht, wie sich in diesem
Buch das Bewußtsein noch mühen muß, den ge-
fühlsmäßigen, künstlerischen Notwendigkeiten nach-
zukommen: und das ist gut.

Es mag schließlich noch erwähnt sein, daß L e
Fauconnier gelegentlich seiner großen Aus-
stellung bei Goltz in München, die ganz Wunder-
volles gebracht hat, eine kleine Studie geschrieben
hat, die bei Goltz zu haben ist. Sie sagt nicht prin-
zipiell anderes als wie die genannten Schriften.
Aber sie fesselt als selbständige Formulierung der
Zeitbewegungen.

Wilhelm Hausenstein

Gedichte

Fülle

Braun von Sonne

Füllt reifer Weizen meine hohle Hand.

Da mein Mund nun spricht.

Schaut auf alle Gottheit unter Bäumen
Und lächelt über das Leben.

Gottheit, die Hände beugend im Schoße:

Du bist die Fülle.

Aber die Menschen sind Speicher.

Du Kind mit der kleinen Garbe im Arme:

Wenn die Gottheit schaut,

Werden schwer die Aehren. < ' ■ -

Des Irdischen Blicke sind Schnitter und Ernte-
wagen.

Du Kind mit der kleinen Garbe im Arme:

Krüge süßen Metes voll
Sind die dunklen Wolken
Hinter den goldenen Feldern.

Oh du Kind mit der kleinen Garbe im Arme!
Deine Augen sind groß:

Es blüht in ihnen ein lichtes Land mit silbernen

Strömen,

An denen du ganz einsam sitzest und spielst.

Des Nachts,

Wenn die Sterne Singende wandeln die weiße

Straße:

Manch einer stürzt da in rauschendes Korn
Und wird auf der Erde geboren.

Dann sitzest du, Kind, mit der kleinen Garbe Im

Arme

In deinem nachtblauen Lande an silbernen Ströme«
Und lächelst über das Leben.

* * *

Ich ging dir nach durch schnittreife Felder.

Wie sich da neigten die Aehren
Ueber deinen Weg.

Zwischen den Halmen

Beugten sich tief die demütigen Kinder

Und legten die Hände auf Stirne und Herz.

Auf den Scheiteln der Berge.

Von Wolken umhüllt.

Will ich dir dienen.

Deine Hände, die mich segnen.

Sind goldene Sonnen
Ueber meinem Haupt.

Mein Antlitz ist ganz verschüttet
Vom lichten Staube der Lilien,

Die in den Falten deines Kleides blühen.

Meine Stirne und meine bestirnten Brauen
Und der Boden vor dir
Beten zusammen.

Nur daß deine Flügel noch im Winde rauschen . . ,

Isidor Quartner

Herr Kammerdiener
Kneetsehke

Eine Kamerdienen-Tragödie
in fünf Aufzügen

Von Paul Scheerbart

Personen:

Fürst Wladimir Zaborrek, ein Bräutigam
Graf Hellmuth Patzig, ein Schwiegerpapa
Gräfin Meta Patzig, eine Schwiegermama
Gräfin Kathi Patzig, eine jugendliche Braut
Großvater Patzig, ein Geist mit weißem Vollbart
Kneetsehke, ein herrschaftlicher Kammerdiener
Ein Postbote in Kürassier-Uniform
Verwandte des Brautpaares (Onkel, Tante, Basen
etc)

und ganz gewöhnliche Domestiken, die nichts zu
sagen haben. j-!

Die Handlung spielt in der nächsten Zukunft
auf den Brettern der „blauen“ Bühne.

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