Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 4.1913-1914

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Ardibots letztes
Auftreten

Von Hugo Engelbert Schwarz

Ardibot hatte seine Rolle nicht zu Ende spie-
len können. Er mußte an sein Weib denken, von
dem er glaubte, daß es ihn betrog. Eine schreck-
liche Eifersucht hatte sich in seinem Herzen ein-
genistet und fraß ihn langsam auf. Erst kroch sie
ihm in die Kehle, so daß er nur mit größter An-
strengung sprechen konnte, dann kroch sie ihm
auf die Zunge, die sie heiß und trocken machte,
und endlich kroch sie ihm ins Gehirn und ließ ihn
die Rolle vergessen, ganz und gar vergessen auf
offener Szene. Seine Partnerin bemühte sich ihn
zum Text zurückzuführen. Der Souffleur schrie
sich heiser. Der Regisseur wurde blaß und rollte
die Augen gegen Ardibot, der nichts hörte und
nichts sah als sein Weib in den Armen eines
andern.

Das Publikum wurde nervös. Der Vorhang
mußte fallen und der Regisseur kündigte eine
Pause an, bis man Ersatz hätte für den schwer
erkrankten Herrn Ardibot, den Liebling der Mäd-
chen und Frauen. Hinter den Kulissen gab es er-
regte Szenen. Der Direktor war aus seiner Loge
gekommen und donnerte Verfügungen gegen den
unbotmäßigen Ardibot, der erklärte, er spiele heute
nicht mehr weiter, da er unwohl sei. Endlich
schleppte der Regisseur einen jungen Mann her-
bei, der jede Rolle im Stück kannte und kündigte
dem Publikum die Fortsetzung der Komödie an.
Das Spiel ging weiter.

Ardibot trat in seine Garderobe, schminkte sich
rasch ab und vertauschte sein Kostüm mit den
Kleidern. Wie ein Verbrecher schlich er sich aus
dem Theater. Je näher er seiner Wohnung kam,
desto ängstlicher wurden seine Schritte. Er
machte vor einem Hause halt. Langsam suchte
sein Blick die einzelnen Fensterreihen ab. In sei-
ner Wohnung war Licht. Natürlich. Denn es
war noch gar nicht spät. Der zweite Akt hatte ja
kaum begonnen, als der Zwischenfall eintrat.
Lange blieb er stehen und starrte nach seiner
Wohnung. Endlich glaubte er Schatten sich be-
wegen zu sehen. Da erwachte er und ging rasch
ins Haus. Die Treppen stürmte er hinauf. Vor
seiner Tür blieb er stehen und schöpfte tief
Atem. Dann nahm er behutsam seine Schlüssel
aus der Tasche, schloß sacht auf und trat an die
Zimmertür. Ein Seufzer drang durch die Tür.
Er riß sie auf und stand vor seinem Schicksal. Da
kam ihm plötzlich alles so lächerlich vor, daß er
hell auflachte.

Der Fremde erhob sich nur ganz wenig und
sagte: „Unter diesen Umständen wird es wohl
das beste sein, wenn ich mich zurückziehe.“

Ardibot, der noch immer lächelte, erwiderte
sehr höflich: „0, bitte, lassen Sie sich durchaus
nicht stören! Ich will mir nur meine Pistole aus
dem Waffenschrank holen. Dann schieße ich sie
nieder!“

Seb, die Frau Ardibots, erhob ihren Kopf, den
sie bis jetzt diskret unter dem Polster verborgen
hatte und rief: „Aber Ardibot, wie unhöflich du
heute bist! Bekomm ich heute nicht einmal einen
Kuß?“

„Verzeih“, sagte Ardibot, „ich dachte nur, es
wäre dem Herrn da unangenehm. Aber wenn Sie
gestatten,“ wandte er sich an den Fremden, „will
ich dich gerne küssen, Seb.“

Der Fremde verharrte ruhig in seiner intimen
Stellung und sagte: „Ich finde Ihren Ton ziem-
lich frei, mein Herr. Und wenn ich auch ver-
mute, daß Sie Ardibot sind, so hätten Sie doch
wenigstens so viel Takt haben können, sich mir

vorzustellen, wenn Sie schon ohne anzuklopfen
in das Zimmer traten, im übrigen habe ich Seb
heute so viel geküßt, daß Ihre Küsse nicht viel
zu bedeuten haben würden.“

„Ich bin in der Tat Ardibot,“ sagte der belei-
digte Gatte, „und bin deshalb aus dem Theater
weggegangen, weil ich Verdacht hatte, daß mich
Seb betrügt.“

„Ardibot, Ardibot,“ rief Seb. „Du bist weg-
gegangen, ehe das Stück zu Ende war?“
„Jawohl, mitten von der offenen Szene.“
„Nun, der Direktor wird dir eine halbe Mo-
natsgage abziehen, das wird der Effekt sein von
deiner lächerlichen Eifersucht!“

„Ja,“ sagte der Fremde, indem er von neuem
begann Seb zu liebkosen, „Sie hätten ruhig Ihre
Rolle zu Ende spielen können. Ich finde, daß Sie
außer über ihre Taktlosigkeit auch über ein über-
natürliches Maß von Pflichtvergessenheit verfü-
gen. Sie sollten sich schämen.“

„Schäme dich ein bißchen, Liebster, und dann
komm zu uns. Wir wollen zusammen plaudern!“
Ein Seufzer entrang sich Sebs Lippen, die der
Fremde in toller Lust zerbiß.

Ardibot zog seinen Ueberrock aus und ging in
das Nebenzimmer.

Nach einer Weile kehrte er zurück und hielt
eine Pistole in der Hand. „So, ich habe sie nun
geladen. Wenn Sie etwas wünschen, sagen Sie
es bitte noch so lange es Zeit ist, denn wenn die
Uhr neun schlägt, schieße ich sie nieder.“

„Da fehlen noch zehn Minuten!“ jubelte Seb
und überschüttete den Fremden mit Küssen, die
jener heißer erwiderte.

„Ich habe nichts zu verfügen,“ sagte er dann
zu Ardibot, der aufmerksam nach der Uhr blickte.
„Alle meine Wünsche sind erfüllt. Die Hörner,
die Sie tragen, waren der Traum meines Lebens.“
„0, sehr schmeichelhaft für mich! Aber,
bitte, wollen Sie mir Ihren Namen sagen. Es ist
das nur wegen der Ungelegenheiten, die ich sonst
mit der Polizei habe . . .“

„Mit der Polizei?“

„Gewiß, mit der Polizei. Wenn jemand er-
schossen wird, fragt die Polizei immer gleich nach
dem Namen des Toten.“ Er machte eine verbind-
liche Handbewegung gegen den Fremden.

„Ach so! Jetzt verstehe ich . . .“ Er rich-
tete sich ein wenig auf, mit einer artigen Verbeu-
gung: „Ich heiße Rambosso! ... .“ Da schlug die
Uhr neun und Ardibot drückte los. Der Mann
sank durch den Kopf getroffen über Seb hin und
war sofort tot.

„Ich werde den armen Rambosso herunter-
heben,“ sagte Ardibot zu Seb.

„Tu das, Lieber! Er ist ziemlich schwer!“
Ardibot, ein Athlet, nahm den Leichnam des
Rambosso in seine Arme und setzte ihn in einen
bequemen Fauteuil. Seb erhob sich und machte
ein wenig Ordnung an ihrer Toilette, die übrigens
die notdürftigste, war.

„Du schießest so sicher!“ sagte sie, nicht ohne
den Ausdruck aufrichtigster Bewunderung. „Der
arme Rambosso! Vor einer Viertelstunde noch so
lebendig und jetzt mausetot.“

„Du bedauerst ihn wirklich mehr, als er es
verdient. Du solltest ein wenig mehr Rücksicht
auf mich nehmen.“

„Aber Ardibot, ich verstehe dich nicht,“
schmollte Seb. „Du bist so empfindlich die letz-
ten Wochen, daß es wirklich schwer ist mit dir
auszukommen. Aber ich will dir gerne ver-
zeihen, du großer Kindskopf! Der arme Ram-
bosso wird sicher nichts dagegen haben.“ Sie
blinzelte dem Toten vergnügt in die halboffenen
Augen, die schon gläsern waren und über die die
Lider schlaff herunterhingen. Rambosso hatte

wirklich nichts dagegen. Er saß bequem in sei-
nem Fauteuil und beschäftigte sich ausschließlich
mit Fragen, die das Jenseits betrafen.

„Das ist nett von dir,“ sagte Ardibot. „Eigent-
lich wollte ich jetzt zur Polizei gehen und die
Geschichte anzeigen. Aber es hat Zeit. Es ist
wahr. Die Eifersucht führt nur zu Ungelegen-
heiten. Daran läßt sich nichts mehr ändern.
Jedenfalls werden wir uns unsere Laune dadurch
nicht stören lassen. Wenn du ein wenig zum
Essen im Hause hättest, wäre ich sehr froh, denn
diese Sache hat mir wahrhaftig Hunger gemacht.“

„Wirklich? O, wie schade. Ich hatte so feine
Cotelettes und Fisolensalat, deine Leibspeise.
Aber der arme Rambosso hatte so Hunger, als er
kam und da hab ich sie ihm zubereitet und gege-
ben. 0, sie haben ihm gut geschmeckt.“

„Das ist jammerschade. Ueberhaupt wenn
man bedenkt, daß sein jetziger Zustand in keiner
Weise einen satten Magen rechtfertigt! Und er
hat alles aufgegessen?“

„Alles!“ sagte Seb stolz.

„Es ist schändlich, wie weit sich diese Ehe-
brecher vergessen! Nicht nur, daß ihnen die
Frau ihres Mitbürgers in keiner Weise heilig
ist . . .“

„Bitte, bitte, bitte! Laß gleich die Anzüglich-
keiten! Sieh nur, wie dich der arme Rambosso
ansieht! Wahrhaftig, er droht dir mit der Hand.“

Ardibot lud rasch die Pistole und schoß nach
der Hand des Rambosso. Er traf zwar nicht, aber
der Tote war doch eingeschüchtert. Er ließ seine
Hand sinken und drehte sich beschämt ein wenig
vom Lichte ab, das bisher sein Gesicht voll be-
leuchtet hatte.

„Du bist heute wirklich sehr nervös, Ardibot,“
sagte Seb. „An meine Nerven denkst du gar
nicht mehr. Es ist übrigens schon zehn Uhr vor-
bei, unser Hausherr liebt es nicht, wenn wir nach
zehn Uhr schießen. Da du schon heute deine
halbe Monatsgage eingebüßt hast, will ich nicht
morgen noch die Kündigung bekommen. Wenn
ich daran denke, gruselt mir.“ Seb warf sich Ar-
dibot in die Arme. Ein Weinkrampf erschütterte
das zarte Weib und Ardibot hatte alle Hände voll
zu tun, um es zu beruhigen.

„Sei nicht böse,“ sagte er, „ich bin nur nervös,
weil ich hungrig bin. Komm, nimm deinen Hut
und gehen wir in ein Restaurant. Dir wirds
auch gut tun, wenn du etwas zu dir nimmst.
Komm, Kleine!“

Er zog sie in das Nebenzimmer, nötigte ihr ein
Kleid und einen Hut auf und verließ mit ihr die
Wohnung, die er sorgfältig verschloß. Die Pistole
hatte er zu sich gesteckt.

Es war nahe an Mitternacht, als das Ehepaar
heimkehrte. Ardibot schloß die Tür zu seiner
Wohnung auf. Er hatte sein Feuerzeug vergessen
und fluchte, weil er sich das Schienbein an dem
Vorsprung eines Vorzimmerkastens geschlagen
hatte. Seb vergoß Tränen, nichts ging ihr so
nahe, als wenn sie sah, daß ein Mensch Schmer-
zen erlitt.

„Dein Freund, weiland Rambosso, hätte auch
für Licht sorgen können!“ rief Ardibot mit
schmerzlicher Stimme.

Eben schlug es zwölf. Da sprang die Schlaf-
zimmertür auf und Rambosso erschien auf der
Schwelle mit der brennenden Lampe in der Hand.

„Lange genug haben Sie uns warten lassen!“
sagte Seb und legte ihren entzückenden Mohn-
blumenhut ab. Dann nestelte sie an ihrer Frisur
so lange herum, bis die herrlichen blonden Haare
über ihren freien Nacken flössen. Schon bei Leb-
zeiten hatte Rambosso eine Schwäche für Sebs
blonde Haare gehabt. Diese Schwäche schien
bei ihm nach dem Tode zu einer richtigen Leiden-

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