Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 4.1913-1914

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Umfang acht Seiten

Einzelbezug 40 Pfennig

HALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE

Redaktion und Verlag

Berlin W 9/ Potsdamer Straße 134 a

Herausgeber und Schriftleiter

HERWARTH WALDEN

Ausstellungs räume

Berlin W / Königin Augustastr. 51

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VIERTER JAHRGANG

BERLIN-PARIS MAI 1913

NUMMER 158/159

Inhalt: Alfred Döblin: An Romanautoren und ihre Kritiker / H. W.: Von den schönen Künsten: Immer noch Anton von Werner / Die Kunst der Abgeord-
neten / Bilder mit Dingen / Neuer Pharusplan / Isidor Quartner: Liebeslied / Arthur Babillotte: Die Schwermut des Genießers / Alfred Richard Meyer:
Dortmund / D. S. Friedlaender: Die Mitte zwischen Extremen / Joseph Adler: Vom andern Ufer / Empfohlene Bücher / Hans Arp: Fünf Zeichnungen

Hans Arp I Zeichnung

An Romanautoren und
ihre Kritiker

Berliner Programm
Von Alfred Döblin

Der Künstler arbeitet in seiner verschlossenen
Zelle. Sein Persönliches ist zwei drittel Selbst-
täuschung und Blague. Die Tür zur Diskussion
steht offen.

Gewisses ist unverrückbar in der Zeit; Homer
läßt sich noch genießen: Kunst konserviert; aber
die Arbeitsmethode ändert sich, wie die Oberfläche
der Erde, in den Jahrhunderten; der Künstler kann
nicht mehr zu Cervantes fliehen, ohne von den
Motten gefressen zu werden. Die Welt ist in die
Tiefe und Breite gewachsen; der alte Pegasus von
der Technik überflügelt, hat sich verblüffen lassen
und in einen störrischen Esel verwandelt. Ich be-
haupte, jeder gute Spekulant, Bankier, Soldat ist
ein besserer Dichter als die Mehrzahl heutiger
Autoren.

Die Prosaautoren, am ehesten zum Mitgehen-
Mitwagen verpflichtet, erschließen die Welt nicht
mittels neuer, strenger, kaltblütiger Methoden,
sondern kauen unentwegt an „Stoffen“ und Pro-
blemen ihrer inneren Unzulänglichkeit. Man soll
seine vermeintliche inneren Notwendigkeiten zü-
geln und die Zügel der Kunst in die Hand geben.
Dichten ist nicht Nägelkauen und Zahnstochern,
sondern eine öffentliche Angelegenheit.

Ein Grundgebrechen des gegenwärtigen ern-
sten Prosaikers ist seine psychologische Manier.
Man muß erkennen, daß die Romanpsychologie,
wie die meiste, täglich geübte, reine abstrakte
Phantasmagerie ist. Die Analysen, Differenzie-
rungsversuche haben mit dem Ablauf einer wirk-
lichen Psyche nichts zu tuft; man kommt damit
an keine Wurzel. Das „Motiv“ der Akteure ist
im Roman so sehr ein Irrtum wie ein Leben; es ist
eine poetische Glosse'. Psychologie ist ein diletten-
tisches Vermuten, scholastisches Gerede, spinti-
sierender Bombast, verfehlte, verheuchelte Lyrik.

Immer war der Rationalismus der Tod der
Kunst; der zudringlichste, meist gehätschelte Rati-
onalismus heißt jetzt Psychologie. Viele als „fein“
verschrieene Romane, Novellen, — vom Drama
gilt dasselbe — bestehen fest nur aus Analyse von
Gedankengängen der Akteure; es entstehen Kon-
flikte innerhalb dieser Gedankenreihen, es kommt

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