Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 4.1913-1914

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mns so häßlich ist. Die Menschen sehen immer
nur sich und einige andere. Immer dieselben Ge-
dienter, hören immer dieselben Stimmen, werden
immer dieselben Gedankengänge geführt. Sie ha-
ben nichts, in das sie sich flüchten können. Viel-
leicht auch wollen. So schrumpfen sie allmählich
«ein; ihre Augen werden kurzsichtig, ihre Ohren
hören nur die Laute, die mit ihrem eigenen Leben
:im Zusammenhänge stehen, ihr Herz wird klein
und kennt nur das, was ihm am nächsten steht,
■sich selbst, und, im besten Falle, die Familie.
Sehen Sie unsere Stadt, Herr! Da gibt es unzäh-
lige Parteien und Vereine und Klubs. Die einen
-suchen die andern zu überholen. Ueberall herrscht
der enge Ehrgeiz, der nur mehr erreichen will,
um die andern niedertreten zu können. Der
Furchtbarste unter diesen Menschen ist Redakteur
Todt. Sie kennen ihn vielleicht. Er ist einer, der
klüger ist als alle die andern und seine Klugheit
•vortrefflich auszunutzen versteht. Von ihm hän-
gen alle ab. Auch seine Gegner. Sie fürchten ihn,
und wenn sie es dennoch wagen, gegen ihn aufzu-
treten, geschieht es nur, weil sie die Schar der
Parteigenossen hinter sich wissen. Das politische
Leben in dieser Stadt ist schrecklich. Das Partei-
leben beherrscht alles.

Der Künstler unterbrach ihn:

Ja, das Parteileben beherrscht alles. In einer
Fabrikstadt erlebte ich es. Keine Menschen, nur
Politiker. Der Knabe war die Hoffnung des Va-
ters: er wird einmal meine Rolle weiterspielen.
Die Mütter wurden geachtet als die Gebärerinnen
künftiger Stadtgrößen, künftiger Förderer kommu-
naler Pläne. Und die Mädchen . . . Sie mußten
zwei Familien, deren Oberhäupter mächtig waren,
zu doppelter Macht verbinden. Liebe war Mittel.
Eine Stadt, erhaben in ihrer Nüchternheit, hinrei-
ßend in ihrer kalten Berechnung. Aber dem
Rausch folgte eine jammervolle Ernüchterung.

Das Bild jener Mittelstadt, in der er einmal
.einige Tage gelebt hatte, schwankte an ihm vor-
über. Eine gelassene Müdigkeit hatte ihn durch
ihre Straßen und Häuser geführt. Während in sei-
nem Innern die Unruhe gärte, die Sucht nach Ge-
staltung, erweckte sein Aeußeres den Eindruck
eines selbstgenügsamen Menschen, der betrach-
tend durch eine fremde Stadt geht. Die Oede der
Kleinstadttage zitterte in ihm nach. Und er begriff
in dieser Sommernacht die Kleinstadt. Er hörte
ihren unregelmäßigen Pulsschlag, vernahm die
lautlosen Schreie ihres Herzens.

Und je weiter ihn Jörg Martin in die Schwüle
dieser Parteistadt führte, umso höher wuchs seine
Bewunderung für die Erhabenheit seiner Kunst.
Unter solchen Erregungen sog er das Bild der
kleinen Stadt in sich ein und nahm es dankbar hin
als Bereicherung seines Wissens von der Wüste,
-mit dem er am Nachmittag begnadet worden war.

Fortsetzung folgt

Ein Buch von Döblin

Sehr viele Schriftsteller haben nur die Zeit zum
Romaneschreiben, also nur ganz wenige auch Ta-
lent dazu, und der mir nicht lesenswert scheinen-
den Bücher werden mehr, je weniger ich lese. Und
wann lese ich? Unterwegs. In der Straßenbahn-
Auf dem Verdeck eines Autoomnibusses. In einem
Torweg während einer Regerihusche. Eine halbe
Stunde vor dem Einschlafen. Schriftsteller, die
zeitraubende Romane schreiben, sollte man unter
Kuratel stellen. Zeit ist doch Geld, und unsere vor
allem. Man möchte den Verschwendern zurufen:

Seit kurz wie Döblin. Lest seine Skizze
„Astralia“. Hier ist die Gewalt eines Romans in
den denkbar engsten Rahmen eingepreßt. Das
Breite. Ausgesponnene und Weitläufige auf ein in
seiner Vollendung unbegrenztes Minimum gekürzt.
Ein Stoff, darin der Offizielle vom Bau kaum mehr
als ein flüchtiges Gerüst gesehen hätte, ist zu jener
architektonischen Wort- und Gedankenknappheit
aufgebaut, die die unendlichen Flächen alles Ge-
schehens ahnen läßt. Kein Bild, kein Gemälde von
„seltenem Kolorit“, nur ein paar Linien: das Aller-
wenigste in vollendeter Form. Die Allzuvielen
schleppen die Leser um den hohlen Berg der Er-
reichbaren an Vertiefung in die Psyche ihrer Fi-
guren. Döblin schafft eine Anhöhe, und ich über-
blicke alles. Anfang und Ende, eines Schicksals.
Meiner eigenen Phantasie sind neue Gebiete er-
schlossen.

Es sind zwölf Erzählungen in dem Buch. Fast
zwölf symphonische Dichtungen. Keine
Wortmusik, kein putziges Schwelgen in Tönen,
aber ein harmonischer Rhythmus in der Konstruk-
tion. Die „Segelfahrt“ ist die gewaltige Musik des
Meeres. Sie ist die melodische Unrast des Ele-
mentes selber, sie gibt nicht eben nur seine Er-
scheinung wieder. Sie ist tief und gespenstisch, die
Worte rollen wie Wellen heran. Sie locken und
schmeicheln, rufen und brausen, wälzen sich hoch
empor und1 klatschen sieghaft nieder. „Eine Was-
sermasse, stark wie Eisen, schickte das unermeß-
liche graugrüne Meer heran. Die trug sie mit der
Handbewegung eines Riesen an die jagenden Wol-
ken herauf. Die purpurne Finsternis schlug über
sie. Sie wirbelten hinunter in das tobende Meer-“
Die Sätze sind wie der Donner des tobenden
Meeres, sind Aufruhr und mitreißende Gewialt. Der
Dichter ist hart, grausam, unsentim^ntal. Und so
ist das Meer. So ist das Schicksal, so ist der Tod.
Nur in einer einzigen der zwölf Erzählungen klingt
es von den Freuden der Hoffnung und der Süße
unvergänglicher Liebe. In „Mariäs Empfängnis,“
einem Adagio in Blau. Das größte und wunder-
vollste Mysterium, in einem Bilde nicht darstellt-
bar. und nur für einen Symphoniker „verarbei-
tungsfähig“, ist hier in das kostbarste und zarteste
Gewand der Sprache zur rührendsten, menschlich-
sten Nacktheit entkleidet.

„Für mich steht es fest, daß Sie ein Dichter
sind. Ich behaupte seit langem, daß der Dichter
von überlegener Intelligenz, ja, daß er die Geistig-
keit an sich ist, und daß die Phantasie die wissen-
schaftlichste aller Eigenschaften ist.“ Das ist ein
Lob Döblins von Baudelaire, ursprünglich nur
eine Artigkeit gegen Alphonse Toussenel.

Döblins Phantasie ist einzigartig. Sie um-
spannt alles. Reales und Märchenhaftes, längst
Vergangenes und Gegenwärtiges drängt sie tita-
nisch aneinander- Die gruslige Sage wird zur be-
ängstigenden Tragödie geklärt, das arme Ammen-
märchen verwandelt sich an den Brüsten des Na-
turalismus zu einem zeitlichen Roman, die Phan-
tasie gibt dem Phantastischen Plastik, und Puppen-
theatergestalten werden zu Menschen, in deren
Brust noch Raum ist für das himmlische Spiel aller
höllischen Leidenschaften.

Der Wortfilm rollt. Der Kinematograpli wird
nie und nimmer Literatur vermitteln können, aber
die Literatur muß von der Kinematographie lernen.
Und sie hat schon von ihr gelernt. Es ist nun
einmal keine Zeit für schleppende Handlungen,
Postkutschenstil und psychologische Kleinarbeit.
Das Leben ist kurz und ein Roman ist lang. Ich
könnte den ganzen „grünen Heinrich“ nicht ein
zweites Mal lesen, und Raabe ist Lektüre für Alt-
pensionäre. Die Einfahrt eines D-Zuges ist
spannend, aber langweilig sind die Ulstein-Bücher,

die man zum Preise von einer Mark kaufen kann.
Die Lungen des Lebens sind unendlich weit, aber
die Phantasie der „gangbarsten“ Autoren steht auf
einem toten Punkt, ist kurz von Atem. Das Dö-
blinsche Werk hat das Tempo unseres Lebens. Es
sind keine manierierten Nachzeichnungen darin;
keine idyllischen Betrachtungen. Döblin steht
nicht auf jener „hohen Warte“, von der herab der
Auernheimer das Leben betrachtet, und er „schürft“
nicht so tief wie der Schnitzler oder der Bartsch.
Er erzählt auch gar nicht; aber er ist aufgelöst in
seinen Erzählungen. Hier ist, zwischen Verfasser
und Werk kein Raum posierter Breite, kein Ab-
grund aufgebauschter Leere, der mich schwindeln
macht, und über den nur die Reklame hinwegkommt
— und der Bildungsmob. Stark und rein ist die
Sinnlichkeit Döblins. Eine Gewalt, die noch in der
Gestalt des Todes triumphiert. So schwingt er
sich in das Bett der Stiftsdame. Vernichtet mit
rohen Zärtlichkeiten ein Leben, das um das herr-
lichste betrogen wurde, rächt es in der furcht-
baren Gestalt des zeugenden Mannes. „Mit einem
Satz schwang sich der Tod neben sie ins Bett.
Da war ein Platz frei. Er griff nach ihren Knieen.
Sie stieß um sich. Wie ein Bauernlümmel schlug
er mit flacher Hand auf ihre Schultern. Da fiel die
Hand auf ihre Brust, den Leib, den Leib, und wieder
auf den Leib. Ihre Lippen flehten- Ein Würgen
kam. Die Zunge fiel in den Rachen zurück. Sie
streckte sich.“

Die Sprache kann nicht plastischer sein. Die
Sätze sind kurz und wuchtig wie Schläge. „Da fiel
die Hand auf ihre Brust, den Leib, den Leib und
wieder auf den Leib.“ Das ist der wortgewordene
Schlägehagel. Wie kargt doch Döblin mit den
Worten. Er wiegt sie wie Gold, bevor er sie hin-
setzt. und der Schatz der Sprache ist doch so
groß. Es sind die innerlich Aermsten, die ihn un-
bedenklich plündern.

Ein herrliches sind in dem Döblinschen Buche
die Frauengestalten. Miß Ilsebill, Mery Walter und
die Königin in der neulegendären, grellmelodiösen
„Verwandlung“- Geschöpfe von sinnesverwirren-
der Schönheit, von magischer Lebendigkeit. Nur
das Weib und der Künstler rechtfertigen die Exis-
tenz dieser Welt. Das Döblinsche Werk er-
härtet diese Erkenntnis.

Joseph Adler

Die Ermordung einer Butterblume und andere
Erzählungen / Bei Georg Müller in München-

Empfohlene Bücher

Die Schriftleitung behäit sich Besprechung der hier
genannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits
eine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte
Bücher zurück, falls Rückporto beigefiigt wurde.

Blalse Cendrars

Sequenöes

Paris / Edition des Hommes Nouveaux

Robert Veyssie

Les Tressaillements / Poemes de ce Siede
Paris / Verlag La Renaissance Contemporaine

Gerhart Hauptmann

Festspiel / In deutschen Reimen
Berlin / Verlag S. Fischer

Henri Bergson

Einführung in die Metaphysik
Jena / Verlag Eugen Diederichs

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