Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 4.1913-1914

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Kandinsky

Wie freue ich mich, über Kandinsky schreiben
zu dürfen. Wenn ich ihn mir im Qeistc vorstelie,
sehe ich ihn immer in einer breiten Straße, in der
sich fratzenhafte schreiende Gestalten drängen;
mitten durch sie geht ruhig ein kluger Mensch; das
ist er. Kubin müßte ihn so zeichnen.

Kandinskys Bilder dagegen sehe ich in meiner
Vorstellung ganz abseits der Straße in die blaue
Himmelswand getaucht; dort leben sie in Stille ihr
Feierleben. Sie sind heute noch da und werden
bald ins Dunkel der Zeitenstille entweichen und
strahlend wiederkommen wie Kometen.

Wenn ich an diese Bilder denke und zugleich
an das, was der Europäer „Malerei“ zu nennen
sich gewöhnt hat, so habe ich ein Bild in meiner
Vorstellung, wie „der Geist“ die Malerei heimsucht;
ja und schwer heimsucht! Sie hatte sich so wohl
ohne ihn gefühlt und ist nun höchst erschrocken
und schlägt verzweifelt um sich, um den „Geist“
nicht eindringen zu lassen. Das müßte Paul Klee
zeichnen. Nur er könnte das.

Und noch etwas empfinde ich, wenn ich an
Kandinskys Bilder denke: eine unsagbare Dank-
barkeit, daß es wieder einmal einen Mann gibt,
der Berge versetzen kann. Und mit welch vor-
nehmer Geste hat er dies getan. Es ist eine un-
aussprechliche Beruhigung, dies zu wissen.

Wie töricht sind alle Versuche, gegen Kan-
dinskys Kunst anzugehen. Da gibt es eine beson-
dere Art von Denkern, die heute noch ernsthaft
erörtern, wieweit Kandinskys Kunst überhaupt
möglich und vorstellbar ist; sie vergessen vollstän-
dig, daß diese Bilder ja längst gemalt sind, schon
da sind. Jedermann kann sie sehen. Aber so ist
es: alie die ihr trockenes Herz nicht klopfen fühlen
vor den großen Werken, schmähen nach gemeiner
Leute Art eben diese Werke, statt an sich selbst
einige einfache Fragen zu stellen. Sie holen eine
verstaubte Logik aus dem Winkel ihrer Schuler-
innerungen und prüfen mit ihr die Bilder. Sie
messen die Flugkraft des Vogels mit dem Zollstab.

Lassen wir sie. Es ist schade um Zeit und
Wort. Es gibt ganz Anderes, über das man nach-
denken muß. Können Dinge, die einmal geschaf-
fen sind, wieder vergehen? Können sie geleugnet
oucr auch nur von der Stelle gerückt werden?
Wir Maler kennen jenen geheimnisvollen Moment
in unsrer Arbeit, in dem das Werk zu atmen
beginnt. Es fällt von uns ab und beginnt sein eige-
nes Leben. Waren wir auch zu Beginn Herr des
Bildes, so werden wir in diesem Moment sein
Sklave. Es sieht uns fremd, groß, mahnend, zwin-
gend an. Das Früh oder Spät dieses wunderbaren
Augenblickes gibt ein feines Kriterium der Kunst
ab. Wir Maler wissen dies. Manche, Allzu-
viele, bleiben bis zum Ende die Herren ihrer Bil-
der. Je gebieterischer der Maler in der Welt
auftritt, desto armseliger, sklavischer sehen ge-
wöhnlich seine Bilder aus. Darum werden diese
Maler im Leben immer mehr gefeiert als ihre Bil-
der, an denen nichts zu feiern ist, da sie ja nur
nach Vorschrift ihrer Herren entstanden sind, —
ein trauriges Symptom aus dem Lebenslauf vieler,
vieler unsrer berühmten Maler; sie schufen als
Jünglinge mit ehrlicher Hingabe ihre ersten schö-
nen Sachen und enden als große Herren mit ganz
dummen Erzeugnissen.

Die echten Werke lösen sich nach dem ersten
Anfang schon von dem Willen des Schöpfers ab.
Es scheint mir, daß heute gar nicht viel solche
Werke entstehen. Zu den seltenen Ausnahmen
gehören die Werke Kandinskys; sie sind nicht aus
sterblichem Willen geformt; ihr Eigenleben läu-
terte sein Wollen und hielt ihn bei der Arbeit in
Bann; ihr Sein ist unsterblich. Ich sehe sie wieder,

an die Himmelswünd gestellt — warum sollen wir
nicht glauben, daß ein Erzengel sie dort gemalt hat,
Dinge aus seinem Reich, durch die Hand unseres
Freundes Kandinsky?

Franz Marc

Gedichte

Josef Tress
An die Jodlerin

Ich bin in uralte Berge hinabgestiegen,
Warmverborgener Bäche Rieseln zu hören.

Diese harten Häuser sind mir fremd.

Irgendwo hat mich herzliche Heimat umschlungen.
Zärtliches Saitenspielgoldhaars Berührung

durchzuckte mich.

Aber diese Mauern sind Stein.

Um meine Brust flatterten blaue Himmelskelche.
Keuscher Blütenschnee küßte mich.

Aber meine Hände greifen schwarz.

Im späten Lampenlicht

Auf den Burgen der Teufelin Wut
Thronen des Augenpaars Pechfackeln.

Und wollen den weichen Sternrasen verwüsten
Mit den geballten Stahlarmdrohungen.

Da kommen die Löwenkäfigschritte
Wider die grellweiße Leere zum Kampf

angeduckt.

Und die grellweißen Wände bevölkern

Begräbnisse.

Doch ein rauchender Turm von Groll steht auf.

Der Flieger

Windmühlen reißen aus den Wurzeln ab.
Wolkendurchbohrende Dome flattern auf.

Aufrecht sind alle Augen wie Rauchsäulen.

Ich zerbreche des stummen Gewölbs Blumen-
stengel.

Treppen aufschmettr ich zum jüngsten Gericht,
Dessen Gerüst die Posaunen errichten.

Am kühnsten läut ich in blauer Himmelsstunde,
Breche, wolkenbruchatmend, Rosen auf

Märchenwiesen.

Auf Märchenauen pflück ich Edelweiß.

Ich zerschelle am eignen azurnen Wagnis
Und blute einen Siegesschrei.

Heimgang

I

Des Bräutigams Augen überfließen ins Haus

des großen Geists,

Die Hellsehenden in der Haft.

Wann der zarte Sohn der Welten über den

abendlichen Wassern scheint,
Wie der Schaft der Silberbirke.

Sanft weint der Bräutigam des Lichts,

Erfleht verzückten Munds Heimgang,

Auflösung in der flügelrauschenden Heimat.

II

Meine Seele schluchzt in den grasgrünen Rasen,
Zermalmt von Glocken und Orgelgebraus,

Und sinkt in den zeitlosen Märchenschlaf,

Und will Lilien tragen unter den Weißgekleideten.

Ich schaue dich mit geistigen Augen
Blumenschau haltend über den Rosenwolken.
Hymnen will ich dir singen am Tag des Heiligen,'
In Weihrauch wallend unter den Chorknaben.

Hello: Das goldene Kalb

I

Das Rote Meer hatte sich geöffnet, der Sinai
zu rauchen aufgehört. Unter verwelkten Rassen
war ein Volk, eines, Hüter der Einheit Gottes.
Also stand es vereinsamt auf Erden; seine Ge-
schichte, außergewöhnliches Schicksal, schlug es
hin nach Ägypten; dort, in dem Heimland gar der
Abgötterei hat es sich dennocli den Sinn seines
Daseins bewahrt, die Nachbarumschlingung ver-
mieden und seine Sendung deutlich bezeugt. Die
schlichte Riesengestalt des Moses, um die Erlö-
sung zu verkünden und auch zu verwirklichen,
hob sich hoch aus dem Kern dieses Volkes. Auf
der Weide schaute Moses den brennenden Dorn-
busch; dort war es, wo er den Namen des Herrn
erbat; dort auch, wo ihm der Herr seinen Namen
nannte, und Moses ergriff ihn, den Namen, und
nahm ihn mit sich, wie ein Krieger, wenn er sei-
nen Harnisch hat. Vor dem Worte, das Moses
trug, wich entsetzt das Rote Meer zurück; und
er zog mit dem Tetragramm durch die Wüste, und
die Geschöpfte neigten sich seinem Schreiten, als
erkennten sie: dieser ist der Schutzengel des
furchtbaren Namens.

Noch mehr geschah; der Sinai atmete Flam-
men. Moses hielt stand vor der Herrlichkeit und
hat ausgeharrt dort auf der Höhe des Berges.

Zur selben Zeit grub sich die Götzensucht ins
Herz der Juden, fraß sich hinein in das Merz des
Volkes, am Fuße des Siani gelagerten Volkes, da-
mals, als es die Rückkunft des Moses erwartete,
indes Moses bei Gott war.

Und das goldene Kalb gerann zum Urbild der
Abgötterei, verblieb ihr Wort und ihr Zeichen.
Das Heidentum selbst war in diese Gestalt er-
starrt, Irrwahn und Blendwerk, Götzendienst, so
frech gewagt, wie bis dahin vielleicht nie vorher.

II

Der Abgott hat die Erde weithin besetzt; man
hat sich abgestumpft und nimmt es keineswegs
wichtig. Der Dämonenglaube, nicht mit Schrek-
ken erfüllt er die Menschen, sondern nahzu mit
einer lebhaften Andacht. Daß die Völker Heiden
waren, lernt das Kind. Es empfängt diese Nach-
richt in einem Alter, wo es noch nicht imstande ist,
sie nach Gebühr erstaunt aufzunehmen; und man
gedenkt ihrer in einem Alter, wo man nicht mehr
fähig ist, ihr, was angemessen wäre, mit einem
Schaudern zu begegnen. Diese beiden Alter sind
bei den meisten Menschen durch kein Band, kein
mähliches Uebergleiten verbunden; und die kurze
irdische Laufbahn lang haben die Wenigsten Zeit,
dem Heidentum nachzusinnen, es verblüfft, ja an-
gewidert mitanzusehn. Man hat doch so Vieles
zu tun, und die Tage sind kurz.

Der Ueberraschten Einer hebt wohl die Augen
zur Sommernacht und sucht bei den Sternen eine
Ruhstatt: die fernhohen Lichter, von unsern Ge-
räten, Berechnungen, Gläsern und Ziffern bis in
den Absturz der Himmel verfolgt, verheißen, o
Schein, dem gehetzten Blick eine Zuflucht. Aber
was nicht vorauszuahnen war, ist eingetroffen:
die Erde hat den Sternen Namen verliehn, und
diese Namen sind die Namen von Dämonen.

Uebereilen wir die Jahrhunderte; wir sind in

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