Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 29.1931

Seite: 119
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von Kunstspekulanten. Unerkannte Meisterwerke aufzuspüren,
ins rechte Licht zu setzen und womöglich doch nicht zu
verkaufen, dagegen herzugeben oder einzutauschen, woran
sein Auge keine rechte Lust mehr haben konnte, das tat
ihm wohl.

Brauchte er Geld, so mußte er von diesem Prinzip ab-
gehen; aber er empfand das als ein großes Opfer, und
noch nach Jahren konnte er von Bildern sprechen, die er
„verloren" hatte, obgleich man sie ihm fast immer sehr gut
bezahlt hatte.

Bei den relativ beschränkten Mitteln, die Nemes zur Ver-
fügung standen, mußte er bei Ankäufen auf das beste oft
verzichten. Aber was andere vielleicht zur Mittelmäßigkeit
verurteilt hätte, das führte ihn zu Entdeckungen und neuen
Erkenntnissen. Er war der typische ä cote-Käufer. Aber
darum kaufte er noch lange nicht, was billig war, sondern
suchte unter dem Billigen das Künstlerische. Ganz normal
mit den Holländern des siebzehnten Jahrhunderts beginnend,
machte er, vierzig Jahre etwa alt, in kurzer Zeit die Ent-
wicklung bis zu Cezanne durch. Gleichzeitig fand er Greco,
das größte Erlebnis seiner Sammlerexistenz. Damals lernte
ich Nemes kennen (1908).

Nemes war nicht der erste gewesen, der Greco so hoch
wertete. Aber dadurch, daß er die Grecobilder mit maleri-
schen Werken anderer Epochen und mit den Impressionisten
zusammenstellte (Ausstellungen in München und Düsseldorf),
übte er eine große Wirkung auf die deutsche Kunstwelt aus.

Nemes, kleinen jüdischen Verhältnissen entstammend, war
kurz vor der Ausstellung in der Münchener Pinakothek ge-
adelt worden, wo er als ein ungarischer Kunstmäzen ge-
feiert wurde, der den Deutschen eine neue Art des Sehens
und Sammeins beibringen werde. Bode, gewöhnt an Disziplin
und Unterordnung unter seine Pläne, die übrigens meistens die
richtigen waren, kam der Einbruch dieses Fremden unge-
legen, der wie er sah, auch recht praktische, wirtschaftliche
Ziele mit seiner Propaganda verfolgte; und als Bode gar
mit ansehen mußte, daß Tschudi, mit dem er sich entzweit
hatte, für Nemes sich entschieden einsetzte und diesem
Händler die Räume der Pinakothek zur Verfügung stellte,
wurde die Feindschaft eine unverhüllte. Nemes bekam die
Macht dieses Gegners bald zu spüren.

Die Ausstellung in München war ein großer moralischer
Erfolg gewesen und verschaffte Nemes auch in Budapest
viel Respekt. Die besten Künstler Ungarns, der Kreis um
den alten vornehmen Szinyei-Merse im Cafe Nicoletto und
Cafe Japan, standen zu Nemes. Auch Rippel Ronay, et-
was älter als Nemes, ein Maler, der in jungen Jahren mit
Maillol zusammen Cezanne in Aix besucht hatte. Diese
Künstler lud Nemes zu sich ein, wenn er von Paris mit
seinen neuen Erwerbungen nach Hause kam. Dann stand
ihm damals schon der Baron Herzog zur Seite und hat ihm
wohl manchmal mit seinen großen Mitteln ausgeholfen. Es
spricht für Nemes' lauteren Charakter, daß er keinen seiner
Freunde verloren hat auch in schwierigen Zeiten, deren er
einige durchmachte.

Damals war wohl Nemes' glücklichste Zeit. Er erlebte
den Aufstieg vom kleinen Kaufmann zum Grandseigneur,
wurde von den besten Künstlern seiner Heimat bewundert
und lernte täglich unerhört dazu. Später, im Aus-

lande, behinderte ihn vielfach seine Unkenntnis fremder
Sprachen; denn als er schließlich Gelegenheit hatte, fran-
zösisch und englisch zu lernen, war er schon zu gedanken-
gefüllt und zu sehr von seinen eigenen Ideen besessen.

Das manchmal naiv sich äußernde Selbstbewußtsein war
im Grunde verständlich. Mit zwölf Jahren war er vom
Vater, einem kinderreichen jüdischen Dorfkantor, wegge-
laufen, nachdem er erst vier Elementarschulklassen durch-
gemacht hatte. In Cafehäusern soll sich der Junge sein
erstes Geld verdient haben mit Singen und Visitenkarten-
schreiben. Bis zum fünfunddreißigsten Jahre wurde er ohne
rechten Erfolg hin und her geworfen, um dann in kurzer
Zeit seinen großen Aufschwung zu erleben.

Nemes mußte diese Erfolge seiner starken Gefühlsein-
stellung zur bildenden Kunst zuschreiben. So sah er sich
als Sammlergenie, das nur seinem Stern zu folgen habe,
um alles erreichen zu können. Das gab seiner täglichen
Arbeit eine imponierende Stoßkraft. Doch konnte auch er
nicht durchdringen, wo Gewohnheit und Vorurteil sich
gegen ihn verband.

Nach München stellte Nemes im Jahre 1912 eine viel
umfassendere Sammlung in Düsseldorf aus. Es funkelte nur
so von den Wänden; denn auch die alten Meister hatten
durch Abnahme des gelben Firnisses eine farbige Energie
erhalten, die gerade in Düsseldorf, dem Zentrum der leisen
Traditionsmalerei, aufreizend wirken mußte.

Nemes' Position war damals nicht allzustark. Er hatte sich
beim Zusammenbringen dieser Sammlung übernommen
und mußte verkaufen. Es bestand auch Neigung, die Samm-
lung ganz oder geteilt für Düsseldorf zu erwerben, als Bode
in Aktion trat und den Ankauf unmöglich machte. Nemes,
außerstande, die Sammlung zu halten, mußte sich ein Jahr
darauf entschließen, eine Versteigerung in Paris zu veran-
stalten.

Nach dem Kriege siedelte Nemes von Budapest nach Mün-
chen über, und schuf aus den Restbeständen der alten und
aus neuen Ankäufen die Sammlung, die er zum kleineren
Teil vor einigen Jahren versteigert, zum größeren jedoch
hinterlassen hat. Ein neues Gebier war hinzugekommen:
das Sammeln alter Stoffe. Soviel Freude ihm aber auch diese
Sammlung gemacht hat, so konnte sie ihn doch nicht trösten
über den Verlust seiner Impressionisten, die er 1913 hatte
hergeben müssen. Immer wieder fing er an davon zu sprechen.
Eine neue Impressionistensammlung zusammenzubringen war
aber für ihn bei den neuen Preisen nicht mehr möglich.

Man tut Nemes Unrecht, wenn man ihn als einen reichen
Kunstmäzen charakterisiert, der sich aus den Vorräten des
Marktes die besten Kunstwerke heraussuchen konnte. Die
Wahrheit ist, daß sein ganzes hinterlassenes Vermögen —
wie ich es schätze — kaum ausreichen würde, um drei bis
vier der Bilder zu bezahlen, die die besten und wertvollsten
des Marktes sind. Vor einer Hävern eyer in New York, ei-
nem Weydener in Philadelphia könnte seine Sammlung nicht
bestehen, rein qualitativ beurteilt, vom Geldwert ganz zu
schweigen. Aber so würde man Nemes auch nicht gerecht,
sondern man muß sich fragen: was hätte Nemes mit Wey-
deners Mitteln zu Weydeners Zeit geleistet? Vom Wollen
abgesehen, wo liegt dann aber die wirkliche Leistung, die
uns veranlassen könnte, ihn besonders zu feiern?

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