Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

Page: 3
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunst_jugend1938/0006
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
r

rcn brauchen wir, die in der welt des Musischen behci-
matet sind, Führer des künstlerischen wcrtgesühls, Men-
schcn, dercn schöpserische Eigentätigkeit )war lebendig ist,
jcdoch in dcr Rexxel dienend zurückzutrcten vermag, hinter
dcr brennenden Gcgenwartsaufgabe, die im Volke vor-
handenen Anlagen ;um richtigen Ziel ;u sühren. worin
aber beruht das wesen echter Runst? Es
ist becsrifslich niemals gan; ;u faffen. Die Runst ist ein
großec, heiligec Berg. Reiner findet ihn, der ihn nicht
selbst erwandert. Viele irren vorbei und bcgnügen sich
mit falschen »Aöhen, von denen aus nach allen Sciten die
Sicht verbaut ist. Und von denen, die den wahren Bcrg
erreichcn, gelangcn nur gan; wcnige in die Nähe des Gip-
sels. Aber jcder Bcrg, auch der höchste, stcigt ;unächst

als daß wir nach Edelwciß und Alpenrosen jagen? Die
ineisten muß ja doch der Erwachsene holen odcr noch häu-
figer: Der junge Mensch betrügt sich mit falschen und
unechten. Schließlich atmen die Menschen auf jeder Zone
des Berges die reine Luft echter Schönheit, trinken von
den nämlichen Guellen und wandern auf ein- und dersclben
Erde. Es ist deshalb müßig, ;u fragen, wo die eigentliche
Runst beginne. Das wesentliche ist, daß wir überhaupt
den wahcen Derg echten künstlerischen Lebens finden und
weiter, daß wir nicht in falscher Rekordsucht unberusener-
weise die Schönheit der untcren Zonen durchhaften und
den Unerfahrcncn in Gegenden leiten, die er nicht ver-
kraftcn kann. — Lcitgedanke bleibt an jeder Stelle des
wcges: „Ghnc Form kcin Stil, ohnc Stil keine Runst".

Stoffdruck in Rot (Rohseide) Referendararbeit (natürl. Größe: 0,70X1,00 Meter)

aus ebcner Erde auf und bildet <-ügel und Täler, be-
kleidet mit taufrischcn wiesen und lcuchtenden Feldblu-
men, die dic schlichtcn wanderer crfreucn und vielen ;u-
gänglich sind. Ueber der wiesen;one da dehnen sich weite,
crnstc wälder und rauschcn geheimnisvollc Vuellen. Scl-
tcner werden die wanderndcn und dic Stille dcs Doms
crfüllt ihre Brust. Ie höher der Suchcnde kommt, desto
rauher und steiniger werden die psade, desto gefähr-
licher die Rlippen und Felsschluchten. Um den Gipfel
wcht Eiscsluft. Abgcschiedenheit und Einsamkcit umfangcn
dcn Rühnen, abcr auch dic Rlarhcit der Stcrne, die Größe
und Rcinheit der Sicht, die weitcste und tiefste Schau der
wclt. wichtig ist cs für uns, ;u erkennen: Icdc Zonc
dcs heiligcn Bergcs hat ihrc durch nichts ;u crsctzcnden
Schünhcitswcrte! Dcn Gipscl ;u stürmcn, stcht ;war
jedem offcn, der die Bcgnadung in sich trägt, abcr sie ist
sclten gcnug und cin rechter Bergführer warnt dcn Un-
bcrufcnen rccht;eitig. Ast es nicht beffcr, wir wandcrn
mit unscrer dcutschcn Augcnd in dcm wundcrvollcn Gc-
bict der^grüncn Aucn und crschlicßcn ihnen die Schönhcit
der^schlici)tcn Fcldblumcn, dic wcrte volkstümlicher Runst,

Stil abcr ist beseelte, gcwachscne Formeinheit, ist lückcn-
lose Folgcrichtigkcit im Bau dec schaubarcn Form. —
wenn auch der eigcntlich musische Gchalt der Form
niemals lehrbar ist, so ist cs doch die Sprache der bild-
architcktonischen Zusammenhängc; sic „im Auge;u haben"
ist Vorausseyung für das wcrdcn echten Stils.

Zum Schluß noch cin kur;es wort über die er;iehcrische
Seite. Er;iehen heißt: Verständnisvolle Führung des
wachstums. Nur dic gewachsene Lcistung hat bleibcnden
Entwicklungswert. wie oft strcbt das Gcltungsbcdürfnis
des Er;ichcrs nach Tagesersolgcn! Bedenken wir ;um Dcil,
daß auch die alte Dolkskunst, dic uns hcute mit Rccht
als Lcitbild vor Augen stcht, auf dcn Arbcitscinsatz und
dic Ausdauer erwachsener Menschcn ;urückgcht und
spürcn wir die Grcn;en, die — trotz allcr Bcgeistcrung —
dcr jugendlichen Gcstaltungskraft gcsctzt sind. „Rugend-
gcmäß", das hcißt nicht ;ulcyt für dcn Er;ichcr: Sclbst-
beschcidung im Sinne gesundcr, jugcndechter Lcistung.
worin licgt dcr lctztc Sinn unsercr Arbcit; Rn dcr Aus-
stclliingsfähigkeit drr Untcrrichtsergcbniffe odcr in der
schöpfcrischcn Bildungsarbcit an dcr Augcndscclc;
loading ...