Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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kunstlcrischcn wcrte vertiefen und den durch die vcrschie-
denen werktcchniken bedingten Formaufbau studieren. Es
wird immer aufsallen, mit welch naturlicher Sicherheit
die Volkskunststickerei immer auf dec Gestaltuncxsstufe
sich bewegt, die jcweils behcrrscht und erfüllt werden kann.
Selten werden Muster in Angriff genommen, die derartige
bildnerische probleme enthalten, daß sie nicht einheitlich
und bcfriedigend gclöst werden können. Daraus ergeben
sich für den Runsteczieher bei seiner Aufgabenstcllung die
wertvollsten und für den Erfolg entscheidenden Er-
kenntniffe.

Im Unterricht beginnen wir crfahrungsgemäß am besten
mit Gestaltungsübungen in dcr formgebundenen Nadel-
arbeit. wir laffen z. B. einfache Rreuzstichniuster auf
leinenbindigem Grundstoff unmittelbar entwerfen. Iede
Schülerin bekommt ein Stückchen Stoff, Nadel und Garn.

'Zlbb. ?. „Märchenvogel". Stickerei in freiem Zicrstich.

Mädchen )5 Iahre alt.

In strenger Anpassung an die webstruktur dcs Grund-
stoffes werdcn Formrcihungen für Rreuzstichbortcn ge-
schaffen. Zunächst arbeitcn wir auf hcllem Grundstoff mit
dunklem Garn cinfarbig. 2lllinählich wagen wir uns an
breitere und reichcre Muster. Die Mädchcn erleben so
unmittelbar am werkstoff die Gcbundcnheit dcr werkge-
staltung in der Rreuzstichtechnik. tAach dicscn Uebungen
cntwerfen wir schwierige, auch zwei- bis dreifarbigc !Nu-

ster auf dem Papier. wir benützen dazu Duadratpapier
(Bild i). Es würde ;u keinem Erfolg führen, wenn
wic das Stickmuster frei zeichnen würden und dieses dann
nachträglich in das quadratische Grundsystem des Stoffcs
hineinzwingen wollten. Der Entwurf muß aus der stren-
gen Gebundenheit an die quadratische Struktur des Grun-
dcs herauswachsen. Aus den Abbildungen ist crsichtlich,
wie von einfacheren ;u schwierigen Mustern geschritten
wird. Zuerst entstehen dekorative Reihungen oder Borten,
die allmählich reicher werden, dann folgen Eckgestaltungen,
Rahmungen, Flächenfüllungen usw. Die Uebungen im
Rreuzstich sind vön größter erzieherischer wirkung, auch
für das spätere Arbeiten in der sreien Zierstichtechnik. Dic
Notwendigkeit dekocativer Auflockerung größerer Flächen,
umgekehrt auch der bildhaften Zufammenfassung unruhig
wirkender Einzelheiten und ferner der Mitgestaltung des
„tragenden" Grundes im Formaufbau, kann nirgends von
den Schülerinnen zwingender erlebt werden als in dcr
Rreuzstichstickerei (Bild r).

Bei dec Einleitung zur freien Ziersticharbeit
verteilen wir wieder Stoff, Garn und Nadel. Zuerst wer-
den die verschiedensten Sticharten besprochen. Die Aufgabc
besteht nun darin, eine dekorative Zufammenreihung v e r-
schiedener Sticharten (Hexen-, platt-, Rettenstich usw.)
;u erfinden. wir steigern auch hier von einfachen ;u rci-
cheren Mustern, die zunächst einfarbig, später mehrfarbig
gestaltet werden. Dursh diese Vorübungen erlangen dic
Schülerinnen eine Sicherheit, die Anwendungsmöglich-
keiten sind ihnen geläufig und die Gestaltungsgesetze klar
geworden. Nun erst können wir an die Gestaltung freicr
Muster gehen. wenn nun auch Motive aus der V)atur
ausgegriffen werden, wie Menschen, Tiere, pflanzen usw.,
dann ist cs den Schülerinnen klar, daß diese Bildzcichen
nicht alle VZaturmerkmale aufzeigen mUffen. Mit geübter
Sicherheit werden jetzt nach dem cigcnen Gesetz ornamcn-
taler Gestaltung die Bildgegenstände in Form und Farbc
gcreiht, gelockert und zusammengefaßt. Die Ucbungen im
freicn Zierstich crfordern cincn klaren Aufbau und cine
straffe FUHrung, daß sie nicht in Naturalismus und Form-
losigkeit abgleiten. Bei reicheren Stickmustern, die nicht
unmittelbar auf dcm Stoff ausgeführt werden können,
empfiehlt es sich, mit Buntstift den Entwurf ;u zeichnen.
— Die Abbildung ; „Märchenvogel" zeigt cine Stickerei
in freiem Zierstich, die auf dcn Einband eines Albums
gcarbeitet ist. Dieses werkstück soll ein Beispiel sein,
wic der Zeichenunterricht im Entwerfcn,
die Handarbeit in der Aussührung und
der werkunterricht in praktischer weiter-
verarbeitung organisch ;usa m m enwirken
können zur k ü n s t l c r i s ch c n Bildung unse-
rcr Mädchcn, für d e n wiedcraufbau e i n c r
weiblichcn Formkultur.

Die Arbeiwcrziehung rm ilatiottalsozialistischett Bildutigöplan

(Schulungswochc im Iungborn.)

Vom 5. bis i;. Vlovcmber io;7 warcn dic Rrcissach-
beratcr für Arbcitserzichung und werkuntcrricht zu cincm
Schulungskurs im Iungborn, dcr Gauschule des i-?SLB.,
Gau württ. und Hohenzollcrn, cinbcrufen. Das üager
hatte dcn Zwcck, die Sachberatcr ziisammcnzuführcn, da-
mit im Gau dic A r b e i t s e r z i e h u n g einc cin-
heitliche n a t i o n a l s o z i a l i s t i s ch c u n d fach -
lichc A u s r i ch t u ii g crfährt. Die Facharbeit stand
dcshalb untcr dcm lleitwort: Dic Arbcitser-
z ichung ein u n e n t b e h r l i ch c s Er ; iehungs -
u n d B i l d u n g s m i t t e l im n a t so na lsoziali -
stischcn Bil d u n g spian.

Nicht durch viele Vorträgc sollte dies crläutcrt wer-
den, sondcrn in praktischcr Arbeit wolltcn die werklehrer
zeigcn, wie sic ihre verantwortungsvolle 2lusgabc aus
den großcn 2lusgabcn u iscres Dcutschcn Volkcs nehnicn,
dcnn unsere tägliche Bcrufsarbeit mit unserer Iiigend
kann nur Mitarbcit an dcr Neuwcrdung unseres Volkcs
sein. So war dic praktische 2lrbcit gctragcn von dem
Gcdankcn: Das w c r k s ch a f f e n im Dicnste dcs
w i n t c r h i l f s w 5 r k s.

2lls Rurslciter wurde ich aufs bcste in sclbstloser lllit
arbeit von den bcidcn Ramcraden Ioseph B u h m üller
und Rarl Hils von Stuttgart unterstützt, die beidc
größere 2lufgaben zur selbständigen Behandliuig übcrnom-
in cn hattcn.
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