Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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Dre Gonderschau „Deutsche Runfterziehung" im Unterrichtspavillon der
Internationalen Ausftellung in paris 19; 7

Das Deutsche Zentralinstitut für Erzichung und Unter-
richt erhielt im Ianuar isr? vom Herrn Reichskommiffar
für die Internationalc Ausstellung in paris den Auftrag,
einc Sondcrschau über „künstlcrischen und technischen
llnterricht" zusammcnzustellen, die in dem internationalcn
llnterrichtspavillon der wcltausstcllung gezeigt wcrden
solltc. Die Schau sollte durch Schülerarbeiten aus dem
Zcichenuntcrricht dcr allgcmeiubildcnden Schulen und durch
Arbeitscrgebniffe aus dem technischen Unterricht der Runst-
und Handwerkerschulen ein überzcugendes Lild bieten von
der allcxemeinen Leistungshöhe dieser Unterrichtsgebiete in
Dcutschland. Zu diesein Zwecke wurden mit Genehmigung
dcs Hcrrn Reichs- und preußischen Ministers sür wiffen-
schaft, Erziehung und Volksbildung zahlrciche Volks-,
Mittel- und höhere Schulen im ganzen Reich und vom
Ministerium selbst sämtliche deutschen Runst- und Hand-
werkerschulen zur Anmeldung von ausstellungsfähigen
Schülerarbeiten aufgefordert. Die auf Grund der An-
gebote erbetencn Zeichnungen und Gegenstände wurden im
Zcntralinstitut durch einen aus berufenen Fachleuten und
Vcrtretern der Schulprapis gebildcten Ausschuß einer ein-
gchcnden Bestchtigung und strengen Beurteilung unter-
zogen. Maßgebend war dabei der Gedanke, daß nur solche
Schülerarbeiten auf der 2lusstellung in paris gezeigt wer-
den könnten, die eine werkgerechtc und sorgfältige Ver-
arbeitung der werkstoffe in Vcrbindung mit künstlerisch
einwandfreier Gestaltung aufwiesen. Bei der 2luswahl der
Schülerzeichnungen wurde besonders geachtet auf Erfas-
sung der in Deutschland artgebundenen Veranlagungen und
dcr daraus im Sinne der Lehrziele. gcsund und selbstän-
dig entwickelten Fähigkeiten, auf eine dem Rind und Iu-
gendlichen gemäße Ausdrucks- und Denkweisc, sowie auf
sinngemäße Verwendung der Darstellungsmittel.

Nach 2lbschluß dieser Vorarbeiten ergab stch die Gliedc-
rung der Ausstellung von selbst. Sie mußte nach Sach-
gruppen vorgenommen werden, zumal einc Vorführung
cinzelner Schulen schon wegen der Raumbeschränkung un-
inöglich war.

Am Vorrauin der 2lusstellung waren die Schülerzeich-
nungen aus Volks-, Mittel- und höheren Schulen unter-
gebracht, während in zwei beiderseitig angrenzenden Eck-
räumen plakatentwürfe aus eincr Runsthochschule und
2lrbeitscrgebniffe der Zeichcnlehrcrausbildung ausgestcllt
ivaren.

Bei der 2lnordnung der Schülerzeichnungen, deren Zahl
ivegen dcs kleinen Raumes sehr beschränkt werden mußte,
wurde angcstrcbt, cin möglichst klarcs Bild dcr Leistungs-
fähigkeit der verschiedencn 2lltcrsstufen ;u geben. Es wurdc
deshalb auch von eincr Trcnnung in Volks-, Mittel- und
höhere Schulen abgcsehen. iAur cin kleiner, kurzer Text-
hinweis an jedcc 2lrbeit gab das Altcr und das Geschlecht
dcs Schülers bzw. der Schülerin an. Gn dcn Zeichnungcn
und Malereien der 2lltcrsstufen von g bis 14 Iahrcn über-
>vog das frcie Gcstaltcn aus dcm Erlcben des Rindes
(Thcmen: Ernte, Aufmarsch dcr Augcnd, Winterhilfswcrk,
Hausbau usw.). Die 2lltcrsstufen von 14—iS Aahrcn zcig-
tcn Naturstudien (Lhemen: pflanzcn, Tierc, Bautcn,
Großstadtverkehr usw.) und farbige Rostümstudien (aus
Mädchenschulen). Die Betätigung im handwcrklichen
Zeichnen an Themen, die in dcr Volkskunst lcbendig stnd,
konntc durch Schercnschnitte, Linoleumdrucke und Farb-
drucke veranschaulicht wcrdcn. 2llle Arbeiten warcn in
Paffepartouts aus rauhcm, crcinefarbigein Rarton ein-
zeln untcr Eellophan gerahmt.

Die plakatentivürfe stainmten aus dcn Vercinigten
Staatsschulen für freie und angeivandte Runst in Berlin
und stellten eine Auswahl aus dcn bestcn Aebeiten dar, die

aus cinem Wcttbewerb für cin plakat der Staatlichen
Musikinstrumentensammlung hervorgegangen waren.

Die Zeichenlehrerausbildung war durch neun Zeich-
nungen, Aquarelle und graphische Drucke aus der Staat-
lichen Hochschule für Runsterziehung in Berlin vertreten.

Am Hauptraum der 2lusstellung warcn die Schüler-
arbeiten aus Runst- und Handwerkerschulen dcs Reiches
untcrgcbracht, die nach Sachgruppen zusammengestellt und
in zwölf Vitrinen wirksam aufgebäut waren.

Die ausgestellten 2lrbeitsergebniffe warcn vorwiegend
Gebrauchsgegenstände aus folgenden Sachgruppen: Rera-
mik und Glas, Schmuck und Goldschmiedcarbeiten, Gra-
phik, Runstdruck und Buchbinderei, Spielzeug und Rorb-
flechterei, Nadel- und Rlöppelarbeiten, weberei, Runst-
schmiedearbeiten, Stein- und Holzbildhauerei sowie Lcdcr-
arbeiten. An den beiden Stirnwänden des Hauptraumes
waren neuartige Stoffe dekorativ angebracht, die aus der
Textil- und Modeschule der Stadt Derlin stammten und
aus Vistra und Zellwolle in verschiedenen Arbeitstechnikcn
hergcstcllt waren.

Zur Beurtcilung der ausgestellten Gegenstände durch das
preisgcricht der weltausstellung wurden die 2lrbeitsergcb-
niffe der deutschen Schulen in die Rlaffen X (Unterricht in
Hochschulen, höheren Schulen und volksschulen), Xl (Runst-
unterricht aller. Stufen) und XII (Technischer Unterricht)
eingereiht. Das Verfahren bei der Beurteilung ging dann
so vonstatten, daß der prästdent der Iury-Rlaffen den an-
dcren Mitglicdern des prüfungsausschuffes bestimmte
Vorschläge über die Beurteilung der ausgestellten Gegen-
stände machte, dic nach weiterer Erörterung zur vorläufi-
gcn Festsetzung der preise führten. Diese Rlaffenvorschlägc
wurden dann einige wochen später von der Aury der
Gruppe III, die die Rlaffen X bis XIV umsaßte, überprüft
und bestätigt. Dabei wurden dem Dcutschen Zentralinsti-
tutzgroßepreise zuerkannt, davon cinec für die Er-
gebniffe des Zcichen-Unterrichts an den allgemein-bilden-
den Schulen. Diese in anbetracht des geringen Umfangs
der 2lusstellung besonders hoch ;u bewertende 2lus;eich-
nung ist neben der Güte der ausgestellten 2lrbeiten dcm
strengen Maßstab ;u verdanken, den der Gutachterausschufi
in Berlin bei der Auswahl der auszustellenden Gegenständc
angelegt hatte. wie von ihm so wurde auch von der Iury
in paris gan; besonders auf handwerkliche Gediegenheit
gesehen. Erfreulich war, in paris zu beachten, daß einigc
Gegenstände die allgemeine 2tufmerksamkcit auf stch zoge».
Gemeinsain war diesen Stücken eine besondcrs von dcn
Franzosen gesuchte Vlotc, die man etwa mit „volkskunst-
artig" oder als „gute alte Dradition" bczeichnen kann.
Dancben wurde von den französischen Runstsachverständi-
gen aber auch auf das „Vleue" wert gelegt. So prüftc
man auch die deutschen Arbeitcn, ob sie „gut erfundcn"
odcr „originell" waren. Unter den Eisen- und tNetallarbei-
ten, den keramischen Gegenständen und Rorbflcchtereien
befand stch vicles, was hoch bewertet wurde. Besondcrc
Aufmerksamkeit erregtcn auch einige Stickereien und Rlöp-
pelarbeiten, Holzschalen und ein Emailkastcn.

Gan; uneingcschränkt wurde an der deutschcn Unter-
richtsabtcilung die 2lrt der Darbietung gcrühmt und mchr-
fach als ausstellungstechnisch vorbildlich bezcichnet. Dics
bezog sich sowohl auf den architektsnischen Gcsamtralimcn
als auch auf die jcde Langweile vermeidende und doch
einheitlich wirkende 2lnordnung inncrhalb dec Einzclräume
und in den vitrinen. 2luch dec präsident der französtschen
Republik, Herr Lebrun, äußerte sich bci seiner Besichti-
gung ancrkenncnd übcr die Gestaltung dcr Sonderschau
„Dcutsche 'Runsterziehung".

(Bericht des dcutschcn Zentral-Anstituts
für Erzichung und Untcrricht.)
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