Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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druck tief genug aufzunchmen und auszudrücken, das je-
weilige Material in richtiger weise zu handhaben und
;u verarbeiten. 2lls besonders intereffante Latsache sei
folgendes erwähnt:

Im Gefühl des Tuschmaterials geschieht die 2lusdrucks-
bewegung derart, daß zunächst in eine tiefe Sitzstellung
eingegangen wird und danach erst „die Tätigkeit des Tu-
schens" beginnt, wie es die tuschenden Lhinesen und 2>a-
paner tun.

Zede der Farben wirkte, indem sie sich in formaler
weise ausbreitete, rauinbildend, flächenraumbildend und
man darf von Flächenformen sprechcn. Die hier angegebe-
nen Farbflächenformen stellen die einfachsten, elementaren
Flächenformen, durch die Farben vermittelt, dar; Farb-
Raum-Form bilden eine Ureinheit.

Gehen wir nun vom Raum und seiner Form
aus, in denen die Farbe in verschiedener Art sichtbar,
fühlbar sich auswirkte, und erlebeü wir den Inhalt, die
Fläche in der von der Farbe her gegebenen Haltungs-
Form, und zwar gefühlsmäßig, in innerlicher Vertiefung.
Ietzt festigt sich die Fläche, der Inhalt, in der Haltungs-
form und führt zum Erlebnis einer materiellen Fläche

besonderer Art.

Es entspricht:

Grau

gewöhnlichem Stein

weiß

Marmor

Blau

Lonerde

Rot

'äol;

Gelbrot

Stoff

Gelb

- Gold

Silber

Silber

Grün

Eisen

Grünblau

Stahl

Rotviolett

porzellan

Blauviolett

Glas

Braun

Schmiedc- oder Gußeisen

Dieses Material-Erlebnis kann ;u zrpei Arten der Er-
kenntnis führen, einer quasi rein sichtbar-gefühlsmäßigen
Erkenntnis, ein änderes Mal ;u vertieft innerem Ge-
fühlsbewußtsein.

An einem Beispiel mag gezeigt werden, wie das Ma-
terial sichtbar-gefühlsmäßig einerseits, und an<

walther Rrötzsch

Gruß und Glückwunsch zum 60. Geburtstag!

Rrötzsch gehört zu den Fachlehrcrn, die früh Uber das
engere Feld der Schularbeit hinaussahen, Einsichten in die
größeren Zusammenhänge der Bildungsarbeit gewannen
und die Verpflichtung auf sich nahmen, ;u helfen, ;u unter.
weisen, nach der Tiefe wie nach der Breite ;u wirken.

So sinden wir ihn — der am S. Februar 1S7S in Leipzig'
geboren ist von Eltern, die der Malkunst und der Musik
befliffen waren — 1000 im Schuldienst, bald in der beson-
dercn fachlichen 2lrbeit des Zeichnens und werkens, lvorin
cr seit 101; seinen festen platz an der Thoinasschule (Gymn.)
in Leipzig bezieht und noch heute innehat. Scchs Iahrc
lang als Studienrat zugleich am pädagogischen Institut
wirkend, vier Iahre lang als städtischer Fachleiter (Zei-
chendirektor).

Seit 1004 findet seine 2lrbeit und Nkitarbeit im Stadt-,
-andes- und später Deutschen Zeichenlehrer-Verband ihren

dererseits im Gefühlsbewußtsein des Ma-
teriellen ;u verstehen ist. Sichtbar gefühlsmäßig wird
man Marmor zeichnerisch wiedergeben und darstel-
len; als gefühltes Material wird es gehandhabt und
geistig geformt werden können. Die Erlebnisresul-
tate, welche hier aus den verschiedenen Anschauungen und
Erfaffungen der Farbe gewonnen werden, beruhen auf
Vorgängen in uns, die wir als vertiefte Verinner-
lichungen der Farbe bezeichnen können; es sind Vorgänge,
welche sich in der Richtung „unten" in uns erfüllen.

wir machten am Anfange die Erfahrung, daß das lichtc
weiß leuchtend und in der kreisrunden, der dem Auge
ureigenen Form in Erscheinung trat, als unser Auge es
erblickte, und es sich in ihm ausbreiten ließ. Erleben wir
jetzt einmal die Farben leuchtend aus der runden Forin
heraus nach anderer, höherer Richtung „nach oben" hin,
zuglcich vertieft, geistig-gefühlsmäßig!
Ietzt entschwindet die Farbe, indem sie. ihren licht-atmo-
sphärischen Zustand wandelnd, ein geistiges Gefühl ent-
stehen läßt, welches als Stimmung erkennbar wird.
Mit jeder Farbe ist eine besondere Stimmung ver-
bunden und eine besondere G e s t i m m t h e i t. Das sicht-
bare Lichtatmosphärische der Farben geht hier über in eine
Zuständcichkeit rein geistig gesühlsmäßiger Art. Die runde
Form, aus der heraus wir die Farbe stimmungsschaffend
erleben, ist jetzt nicht mehr das Bild der Augenform,
sondern Svmbol für eine höhere, eine rein geistige
Form geworden.

Bei allen diesen Erlebnisvorgängen, in denen uns das
Spiegelbild der menschlichen Natur und des Geistig-Seeli-
schen im Auge erscheint, taucht die Erinnerung aus an
Leonardos Malerbuch, wie er im Anfange vom Daseins-
grund der Malerei und der ersten Malerei spricht, und
wenn er die Rundung als die Hauptursache und die Seele
der Malerei bezeichnet.

Anmerkung der Schriftleitung: Zum Verftändnis der
zunächst ungewöhnlichen Betrachtungsweise Frl. Grunows
können die früheren Beiträge dienen; in Heft 7/1ö;5'-
„Von der wirkung der Farbe auf das sehende Auge",
Heft o/is;y: „Die wirkung des klingenden Tones auf
das Hören", Heft r/io;ö: „wie Sehweisen und Hörarten
wirklich verwandt sind", Heft siio;c>: „Farbformen".

Niederschlag in dcn Fachblättern; er übernimmt schließlich
selber eines: „Schauen und Schafsen", das er 17 Iahre
lang (bis io;ö) führt und weit über Sachsen hinauswirken
laffen kann.

Die Rriegszeit, die ihn drei Iahre freiwillig im 'Felde
sieht, ist sozusagen Mitte der besonderen jugendkundlichen
Arbeit. isil erschien „Das Bauen des Rindes mit Bau-
steinen" (Guelle u. Meyer), ein wichtiger Vorstoß ins Ge-
biet dcs weiteren bildnerischen Verhaltens. 1017 dann:
„Rhythmus und Form in der freien Rinderzeichnung", einc
wesentliche Einzelentwicklung bringend mit grundsätzlichcn
Deutungen (bei DUrr, Leipzig)/ Es ist bislang die cinzigc
Monographie, die nicht von einem Nur-Psychologen odcr
sonstigen Laien in der' Sachkunde geschriebcn ist! wie
wenige Runsterzieher nehmen doch die Entwicklung der
cignen Rinder zum Anlaß, um zugleich sachliche Rläruag
;u bringen!? —

is;o bringt „Der weg ;ur Gestalt" (Iacobi, Lcipzig)
crzieherische Folgerungen aus den Tatsachen der natürlichen
Rcifung. — wir können vom 2luf;ählen andrcr Schriften
heimatkundlicher und erzieherischer 2lrt absehen, von plan-
arbeiten, Ergebniffen und Ehrungen. Ucber allem steht das
Motto: unermüdliche 2lrbcit, unverkennbare eigne prä-
gung, entschiedener Einsatz, der auch die Rampfansage nicht
scheut.
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