Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

Page: 162
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M „Kunstttzjehung" ln öen
neuen smtllchen LeWßnm öec höhecen Lchule

Von Robert Böttcher-Berlin, Reichssachbearbeiter für Runsterziehung

1,„Er;iehung und Unterricht in der höhe--

ren Schule."

Die yesamte Neuordnung des höheren Schulwesens hat
das Reichserziehungsministerium unter dem Titel „Erzie-
hung und Unterricht in der höheren Schule" zusammen-
gefaßt und als amtliche Ausgabe in der weidemann'schen
VerlagsbuchhandlunA, Bcrlin, herausgebracht.

Es ist für jeden Erzieher nicht nur wichtig, sondern un-
erläßlich, sich den gesamten Inhalt dieses Bandes ;u eigen
;u machen, ,und nicht bei dcn Ausführungen über seine
eigene Fachgruppe oder gar bei den Stoffplänen stehen ;u
bleiben, wenn er in seinem Unterrichte den Forderungen
ucrccht werden will, die nach der Neuordnung an ihn ge-
stellt werden. Und das aus sehr verschiedenen Gründen:

Im allgemeinen Teil oder bei diesem oder jenem Fach
sind weisungen gegeben, die auch anderwärts hinernge-
hören und sinngemäß Anwendung finden müssen, dort
'aber nicht wiederholt werden.

So ist es seit Iahren eine wesentliche Forderung der
Runsterzieherschaft, daß der Schüler nicht durch einseiti-
gen technischen Drill, durch Hineinzeichnen oder Hinein-
malen des Lehrers oder durch Ropieren von Vorlagen
usw. ;u einer i^iederschrift geführt wird, die seiner Gei-
steshaltung und der wachstumslage seiner Gestaltungs-
kräfte in keiner weise entspricht, sondern als äüßerliche
Manier die Bildsprache Erwachsener nachahmt; es ist ;u-
gleich eine zweifelsfreie Erkenntnis, daß man vom Er-
wachsenenstandpunkt her eine Rinderzeichnung nicht ;u deu-
ten und recht ;u beurteilen vermag. Ueber diese, für die
Unterrichtsführung in der Runsterziehung äußerst wichti-
gen Dinge findet sich in den Ausführungen über das Fach
selbst kein Satz, der so eindeutig dazu Stellung nimmt,
wie es in den allgemeinen Ausführungen über den Deutsch-
unterricht geschieht. Dort heißt es: „Ein Zwang ;ur Nach-
ahmung des Sprachstiles des Erwachsenen, der ein anderes
Verständnis und cin anderes organisches Rönnen hat, ist
;u vermeiden."

Es ist selbstverständlich, daß dieser Satz auch für die
Bildsprache gilt, auch wenn er dort nicht in abgewandel-
ter Form wiederholt wird.

wenn weiter im Stoffplan für Runsterziehung gerade
die für die Lharakterbildung wichtigen, gegenwartsbeton-
tcn Stoffe vermißt und oft Beispiele gegeben werden,
dccen Aphalte ziemlich belanglos sind, dann läßt doch der
allgemeine Deil, insbesondere aber das Grundsätzliche, kei-
uen Zweifel darüber aufkommen, daß gerade auch die
stofflichen Gebiete der anderen kulturkundlichen Fächer
ausgiebige Verwendung in der Runstecziehung finden
müssen. Darauf verweist schon der Satz auf Seite ;ö:
„Runst- und Musikuntcrricht sollten in ihren Ergebnissen
die Gesamtschau abrunden und beseelen."

wichtiger noch ist aber der zweite Grund für diese Be-
urteilung vom Ganzen her. Die Runsterzieher nämlich, die
nur die Stundentafeln sehen und die Stoffpläne, werden
zu dem Ergebnis kommen, daß viele dec als zwingende
Notwendigkeit erkannten wünsche und Forderungen keine
Berücksichtigung gefunden haben. Nun vermag auch das
ausgiebigste Studium des Gesamtwerkes die Datsache nicht
;u vcrwischen, daß die Runsterziehung, stundenmäßig ge-
schen, in der neuen höheren Schule noch immer ein schr
kiimmerliches Dasein führt, obgleich man ihr einen höhe-
ren' Rang zuerkannt hat; aber der allgemeine Deil gibt

doch Aufklärung darüber, warum diese und jene wünsche
nach der Meinung des Ministeriums nicht erfüllt werden
konnten und berechtigt ;ur Hoffnung, daß diese Reform
keine starre Festlegung für lange Iahre bedeutet, sondern
daß der Bau weitergeht und dahin führen soll, zuletzt eine
Schule ;u schaffen, die konsequent dem entspricht, was das
nationalsozialistische Ideengut für die Erziehung der deut-
schen Augend fordert.

So heißt es auf Seite ir:

„Freilich wurde zunächst die Schule nicht unmittelbar
der revolutionären Umgestaltung unterworfen, wie über-
haupt die Einrichtungen, die dem Bildungsglauben des
hinter uns liegenden Zeitalters ihr Leben verdanken, von
dcm elementaren Erziehungsgeschehen vorerst nicht so un-
mittelbar ergriffen wurden wie die politische wirklichkeit.
Der Grund hierfür ist nicht nur in der Datsache ;u suchen,
daß der Geist, der in den Formen wohnt, zäher und hart-
näckiger ist, als der Geist, der in den Menschen lebt, und
daß darum die Einrichtungen, in denen die Ideen der ver-
gangenen Zeit Form geworden sind, nur langsam und
schrittweise umgestaltet werden können. Es liegt vielmehr
im wesen der Schule als Bildungsstätte, daß sie immer
in ihrer Bedeutung zurücktritt, wenn eine neue Rultur,
ein neues Lebensgefühl des Menschen im Entstchen ist.
Die Schule wird imyier von den grundlegendcn Rräften
ihrer Zeit getragen, aber das Leben geht jeweils voran.
Die Schule überliefert den geistigen Anhalt einer Zcit,
sie folgt aber der entscheidenden Umbildung des gcistigen
weltbildes. Ihre Bedeutung jedoch wächst in dem Maße,
in dem der neue geistige Gehalt jenen Grad seiner Durch-
formung erreicht hat, in dem er lehrbar wird.

Auch das nationalsozialistische Zeit-
alter wird die Schule hervorbringen, die
Geist von seinem Geiste ist, aber wir müs-
sen unsbewußt sein, daß wir am Anfang
der neuen Bildung stehe n."*

Diese worte mögen diejenigen trösten, die ihr eigenes
Ideal in der Neuordnung nicht verwirklicht sehen. Sie
fordern auch jeden verantwortungsbewußten Erzieher auf,
weiterhin;u kämpfen für eine Schulform, die den vollen
Anspruch hat, eine nationalsozialistische genannt;u werden.

Gerade im Hinblick auf diese worte hat es aber auch
keinen Sinn, sich von vornherein kritisch einzustellen und
d i e Dinge ;u sehen und besonders hervorzuheben, dic
nicht unsere Zustiminung finden, sondern das positiv ;u
bewertende Neue, und wege aufzuzeigen für die Ver-
wirklichung dieses v^euen. Es kann dabei sowieso nicht
ausbleiben, daß man auf irgendwie vorhandene Bruch-
stellen odec Mängel hinweisen muß; aber nicht, um ;u
kritisieren, sondern um der Schwierigkeiten Herr ;u wer-
den, die sich ctwa daraus in der Prapis ergeben köimten.

Und damit gelangen wir ;u einem dritten, sehr wesent-
lichen Grunde dafüc, daß das Gesamtstudium von „Unter-
richt und Ecziehung" nötig ist:

Es wurde schon erwähnt, daß im „Grundsätzlichen" da-
von die Rede ist, daß der Geist, der in den Formen wohnt,
zäher und hartnäckiger sei, als der Geist, der in dem Men«
schen lebt, und daß darum die Einrichtungen der vec-
gangenen Zeit nur langsam und schrittweise umgestaltct
werden könnten. wenn man „Erziehung und Unterricht

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