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Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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Heft 1 (Januar 1938)
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Klauss, Otto: Der "Bildteppich" als künstlerisches Gestaltungsprinzip und als bildnerische Aufgabe in der Schule
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https://doi.org/10.11588/diglit.28172#0008

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Der „Bildteppjch" als künstlerisches Gestaltungsprinzip und als
bildnerische Aufgabe in der Gchule

Von Otto Rlauß-Stuttgart

„Vvo das Malerische nicht die Illu-
sion sucht, sondcrn Stil, dort wird
auch die Malerei sich mit Architcktonik
durchsctzcn müffen."

(Moller v. d. Bruck.)

I. Bcgriss und Bedeutung.

Die BezeichnunA „Bildteppich" ist ein starrer Begriss
gcworden. Der orientalisch-ostische Einschlag darin, als
Erinnerung an pcrsisches, Maurischcs, Byzantinischcs,
Lhinesisches und Iapanisches, ist nicht mehr gan; wegzu-
denken, aber er darf hier sofort als nicht gemeint ausge-
schieden werden. Ia, es ist mit eine Absicht dieser Betrach-
tung, und eine wesentliche Aufgabe unserer erzieherischen

Beispiel für die Anwendung des Bildteppichs:
Rleine Truhe zum Ablegen von Zeichnungen,
Pappe und Leinwand, zirka ;5Xr5Xro cm.

Gemeinschaftsarbeit von i;-Aährigen.

Arbeit, an Stelle des überfrcmdetcn Bildes die cinfache,
deutsche Art und Gestalt zu sctzcn. Als dcutscher „Stil-
bcgriff" deckt stch der Name Bildtcppich ctwa mit der
Vorstellung „gotischcr wandbehang"; als textiler Begriff
mit der Allgemeinvorstellung „Teppich, geschmückt mit
bildlichen Darstellungen". Bcide Begriffsbilder lcgcn uns
eindeutig und cng auf Herkömmliches fest. Das gibt dcm
plamen seinen unangcnchmen, altertümlichen Rlang. Vvcnn
wir ihn dennoch bclaffen, so deshalb, weil er auch in die-
sem farblosen, abgcgriffcnen Sinne noch das IVcsentlichc
deffcn sofort und bildlich zur Anschauung bringt, was
mit dieser Abhandlung hcrausgestellt werdcn soll: cine
Bildgestaltung, dic sich aus einer besonderen bildnerischen
Haltung heraus, stofflich und sinngemäß sclbst cingrcnzt.

wir salzen ein Stück des XVeges der Entwicklung der
Form — wir können aus dicser wcgstreckc, die ganz
wcsentlichc Ausglicdcrungsschritte brachte, auf dic Ge-
samtrichtung des ganzen weges schlicßen. Durch die nach«
folgende Entwicklung ist dcr XVeg nur fortgcsetzt. wir
bctoncn nochmals: dcr Mcnsch geht in seinem Bilden
aus von Formhaltung. Darin iiegt von Anfang an das
Bcstchendc und daran wird ihm das Herankommcnde (der
Eindruck) und das vLerauskominendc sder Ausdruck) Be-
stand. Der lllensch gcht also nicht aus vom Abbildcn oder

Aber diese Bildgestalt wird von uns nicht verstandcn als
die einmalige historische Erscheinung, oder als bloßcs
„Gewebe", das sein Dasein gan; dem Tcchnischen ver-
denkt, sondern als Gestalt und Bildordnung: als „Lild-
sprache. Der Bildteppich i s t nicht nur ein „Stil", son-
dern er hat Stil.

Damit soll gesagt scin, daß wir den Bildteppich erken-
nen wollen ). als anschauliche und unmittelbar gegenwär-
tige, als heute mögliche, schöpferische Lildordnung! r. Als
ein „malcndes" werk- und Arbeitsversahren, das besondere
stilistische und gestaltnerische Möglichkeiten für den Unter-
richt umschließt. Und ;., daß wir ihn wieder schen und
lieben lernen wollen, als ein Bildwescn deutscher Art und
bildnerischer Gualität!

Dazu ist es nötig, den Rräften der Empfindung die
Erkenntnisse des Bildgesetzes hinzuzugewinnen. Die gestal-
aufbaucnde, wirkcnde Rrast in einem Runstwerk beruht
ja auf einem so oder so gearteten künstlerischen Verhalten
an sich. Der Bildteppich verrät nun eine Bilddisziplin,
die die Bildfläche in dieses Verhalten, bewußt oder
unbewußt, als gegebene Größe einbezieht. Das Gestalt-
werden, der ganze Gestaltungsvorgang, rechnet damit, bes-
ser, lebt und „webt" in der Fläche vom ersten Bildgedan-
ken an. Und aus diesem Verhalten wächst ursprünglich und
urtümlich dieser echte, eigene Formstil, der weder zeit-
gebunden, noch stilgebunden, sondern elementar stil-
wirkend ist. So gemeint umschlicßt der Name und
Begiff „Bildteppich" eine ganze Rategorie von künstleri-
schen 2lrbeitsverfahren und wandelt sich in der Bedeutung
vom bloßen historischen Begriff in ein weitgespanntes
bildnerischcs Stilwollen schöpferischer 2lrt. Es ist
überall spürbar, wo das „weben", „wirken", „Verknüp-
fen" geistige und bildnexische Haltung geworden ist. Das
zeitenumspannende wirken dieses Stilwollens von der
deutschen Vor- und Frühgeschichte bis in die Gegenwart,
sein gelegentlicher Führungsanspruch — in dcr reinen
Form „Bildteppich" im ausgehendcn Mittelalter und
hohcn Barock und Rokoko —, die Hartnäckigkeit seines
Bleibens und wiederkommens neben anderen Bildord-
nungen — etwa der Perspektivischen der Renaiffance —,
die Datsache seines gcstaltgebenden Nachwirkens selbst in
der hohen Runst — im wandstil fast aller Zeiten, beson-
ders aber der Frührenaiffance und sogar im Gemälde der
Hochrcnaiffancc —, dies allcs bewcist seine vitale künst-
lcrische Rraft und scinc eigentliche Zeitlosigkeit. Scinc
wandelbarkcit im Aus und Ab der Zciten liegt mehr be-
gründet in seincr Abhängigkeit von der konstitutionellen
Haltung — dcr individuellen und völkischen — als etwa
im Begriff dcs künstlerischcn Fortschritts.

In dicsen schöpfcrischen und überzeitlichen Voraus-
sctzungcn licgt unser Glaube an die stiibildenden und qua-
litativen Grundkräste dieser Bildaufgabe.

vom Ausdrücken, sondcrn vom Bildcn. Erhalte ich ihn
bildend, formend, dann wird cr in der Lage scin und
bleibcn, das Gegcn-Standhaftc, wic auch das durch die
Entwicklung seincr pcrsönlichkcit erstchende Standhafte
im Beständigen zu liaitcn. Unserc Hauptsorgc muß scin,
das Rind und den Riigcndlichen „in dcr üagc" zu haltcn,
sich in all scinem Tun formhaft zu faffen. wir diirfen sie
nie „drausbringen" aus dcr Lage. Damit ist dic Grenze
dcr Möglichkciten allcr Bildung und Entwicklung abge-
stcckt.

)
 
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