Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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figc Form hat. Von vornherein fallen alle Formen wcg,
die protzig und unehrlich wirkcn.

Schlägt man die in der Hand geformte Tonkugel lcicht
auf die Lischplatte, so crhält man eine fast halbkugelige
Form, in deren weiche Maffe die Rerze leicht eingedriickt
werden kann. Rneift man mit Zeigefinger und Daumen
in die halbkugelige Form ringsum eine Rinne ein, so
cntsteht die notwendige Tropfenrinnc, quetscht man nun
die halbkugelige Form durch prcffen mit beiden Händcn
halsartig in die Höhe, so wird der Stand der Rerze er-
höht und der Lichtkegel der Rerzenflamme kommt besser
zur Geltung. Auch gibt der gewonnene Hals dein Leuch-
tcr eine bessere Griffigkcit. Bei einem mehr schalenför-
migen Leuchterfuß kann organisch eine Handhabe, ein
Handgciff herausgebuchtet werden.

Mit diesem urtümlichen werken der Hand, ohnc wei-
tcres werkzeug, kann eine gewiffe handwerkliche Einheit
dcr Form erzielt werden. Aber damit ist unsere Aufgabe
nicht erschöpft. Ie nach der 2lltersstufe wird nun erst das
cigenc Formgefühl zum Ausdruck koinmen. Die Art, wie
der Schüler oder der Erwachsene von jetzt ab den vorher
streng gebundenen Arbeitsvorgang weitcr entwickelt und
gcstaltet, ist das Maßgebende bei dieser 2lrbcit (Bild i).
Ietzt kommt das zur Geltung, was ich als das Gestalten
aus der innercn Haltung bczeichnc. Diese innerc Haltung
crgibt stch aus dcm Geist, den der Dienst in dcr HA., im
Landjahr, im Schulungslagcr usw. crzeugt. Diese Hal-
tung muß nun die rohe Zweckform vcredeln und in Rlar-
heit schön gestalten. Am Gegensatz der in vergangencr
Zeit beliebten Sucht nach modischen Neuigkeiten und ep-
prefsionistischen Mätzchen wird nun aus deutscher Haltung
heraus geschaffen. Statt des Tonleuchters kann ich natür-
lich auch an den 2lnfang der Formgestaltung eine Gefäß?
form oder sonst eine Zweckform stcllen, die Zücht und
Haltung und straffe F o r n, ; u s a-mmi e n h ä n g e
vcrlangt.

An einer gänzlich andern 2lufgabe möchte ich den willen
zur straffen Zucht in der Formgestaltung zeigen: wohn-
ecke für ein I u n g m ä d e l h e i m. Die Größe der
Tischplatte ist gegeben. Es handelt sich darum, eine schöne
Form für die beiden wangenstücke des Disches ;u finden.
Die Größe der wangenstücke richtet sich nach der Tisch-
breitc und Tischhöhe — bequeme Rörperlage. Die äuße-
ren Maße sind somit auch gegeben.

Ein dexbes Stück Packpapier, das die natürliche Größe
der wangenstücke zeigt, wird unmittelbar mit der Schere
so zurechtgefchnittcn, daß die Form dem abgerundeten,
stillen und mehr nach innen gcrichteten wesen des Mäd-
chcns cntspricht (im Gegensatz zu dcm mehr zackigen, sol-
datischen wesen dcs Aungcn). Die so gewonnenc Scha-
blone wird auf das vorgcschnittenc Hol; übertragcn und
das wangenstück mit dcr Schweifsäge bcarbcitet. Daß
die wangenstücke der Eckbänke paffend ;u dem Tisch gc-
staltet wcrden, und daß wcnig weggeschnitten wird, ver-
stcht sich von selbst. Auch bei dieser Arbeit in Holz ging
man, wic bei der Arbeit in Ton, von dcr innercn Grund-
haltung aus; also wcder von modischen Porlagen noch
von gefühlsmäßigen, zufälligen „'Rünstlerlaunen" (Bild r).

)7!cbcn dcr Don- und Holzverarbeitung ist das Flcchtcn
und weben, die Hcrstcllung von Stoffen, einc llrtechnik

Abb. ;. wcbgeräte cinfachster Art aus rohen Stcckcn gc-
fcrtigt. Anncrhalb cincs Nachmittags wurde sowohl das
Gcrät als das Gewebe von irjährigcn Aungen gcfcrtigt.
Gberschule Stuttgart.

Abb. 4. Nach drei Aahrcn fertigte dcr glciche nun >5 Aahre
alte Aunge dicscn Hochwcbstulil! Auf diescm wcbstuhl kann
man gan; großc Teppichc für Hcimgcstaltung schaffcn.
Hcrgestellt aus rohen Rundhölzern unscrer weingärtner.
Eignct sich auch zunr^Deppichkniipfcn und Bildwebcn.



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