Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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pauken. Und auf der Straße, zwischen den Fensterreihen,
wiegt sich leicht und behaglich der Reitermarsch. Abec die
Straße verläuft abschiissics, und bald ertrinken die Rlänge
,m Ouietschen der Geschützbremsen. Doch noch ist das Er-
cignis nicht ausgeschöpft, denn jetzt kommt es vorbei,
immer sechs und sechs, große und kleine pferde, lange
und kurze, Liere, die glatt erscheinen, und dann andere
mit dicken Fellchen, mit fträhnig herabhängenden Mäh-
nen und kurzen Stehhaaren. Man hat nicht Augen ge-
nug zum Aufnehmen, soviel Sehenswertes kommt in end-
losem Getrappel vorbei.

Freilich bleibt bei alledem eines bestehen, wir alle, ob
jung oder alt, kommen aus dem Rreise dieses Lebens im-
mer mchr heraus. Fiir uns ist cs gegenwärtig ein schönes
Schauspiel und womöglich ;u unseren Lebzeiten noch ver-

z.Schüler O II. Holz, zr cm hoch.

sunkene welt. wir sühren das pserd nicht mehr täglich
am Zaum wie vielleicht noch Vater und Großvater. Das
pferd ist nicht mehc unser Gesährte, — aber es besitzt
noch unserc Liebe. Und wenn unsere Pleigung großenteils
auch unbeschwert ist durch ein handfestes wissen um das
pserd, so ist sie dennoch nicht nur Schwärmerei, sondern
cin Stück Urväterahnung.

Gänzlich fcrn steht uns allerdings heute die Zeit, in
der unsere vorfahren, im Desitzc einer überaus versei-
nerten Urteilskraft, im pferde nicht nur cine Art Tier
neben vielen anderen sahen, sondern die Verkörperung
cmec auch sonst noch in mancherlei Gestalt wirksamen
Lebenskrast. Sie haben uns Andeutungen hinterlaffen übec
merkwürdige Beziehungen des pferdes zur Sonne, zum
Fever und;u anderen Dieren und, wenn sic dem heiligen
Diere sogar cinen platz in ihrem Götterhimmel einräum-
ten, ihr wiffen im Gleichnis nicdergelegt.

Diese überlieferungen widerstehen unsercm heutigcn
Denken, und wir vermögen sie fast nur noch als Bot-
schaften aus dcm Bcrciche dcs Märchens zu cmpsinden.
Aber wenn uns auch in dicsen Dingcn das volle Bewußt-
sein unsercr Poreltcrn nicht mehr zu cigen ist, so ist uns

doch ein Rest blutsmäßig überkommener Richtung des
Gesühls verblieben.

Unsere Anlage hat unter den heutigen Verhältniffen
wenig Gelcgenheit mehr, sich in der wirklichkeit ;u ent-
falten. An das, was für andere einst greisbares Leben
war, erinnert an uns, wenn es hoch kommt, nur noch eine
bisweilen hervortretende stille Vorliebe, eine Liebhaberei
oder — um einen besonders beziehungsvollen Ausdruck ;u
gebrauchen — ein Steckenpferd. Das echte Stecken-
pfcrd ist aus Hol; geschnitzt, unser Steckenpserd ist körper-
loses Gefühl. Aber dieses Gefühl kann als starke Drieb-
kraft wirken, und wenn cs einmal in körperhafter weise
zum Ausdruck zu kommen sucht, dann entsteht unter Um-
ständen, zwar auch nur aus Hol; geschniht, aber im üb-
rigen wohlausgestattet, wieder — ein greifbares
p s e r d.

Gm staunenden Verharren vor den Erschei-
nungen der welt liegt der Ursprung aller Art
bildender Runst, und die bildnerische Bemühung
selbst ist in ihrem reinsten Zustande gleichsam nichts wei-
ter als der Versuch, die bewunderten Gegenstände kennen-
zulernen, auszuschöpfen und festzuhalten.

Dieses widerspiel von staunender Betrachtung des Lc-
bens auf der einen und Gestaltungswillen auf dcr andern
Seite muß auch in der Schule wirksam sein und wird
im echten Arbeitssalle gleichfalls immer den Grund ab-
geben, in dem das bildnerische Bemühen des Iugendlichen
wurzelt. wic Lehrer aber müffen es uns angelegen sein
laffen, dort wo der natürliche Ablaus nicht schon von
selbst hervorbricht, die fruchtbaren Beziehungen herauszu-
finden. Ein Gegenstand, an dcm sich der Gestaltungswiüe
leicht entzündet, ist das pferd, und dementsprechend tritt
es, wenn Menschen aller Altersstufen zeichnen und for-
men, immer wieder ungerufen auf den plan. Es ist üb-
rigens gar nicht so leicht totzureiten und dars ruhig öfter
herangeführt werden. Es muß im Unterricht seine gebüh-
rende Stellung einnehmcn und bisweilen in irgendeiner
Form Aufgabe sein.

Da jener weg zum Bilde aus allen Alters- und allen
Leistungsstusen der gleiche ist, braucht der Lehrer in der
wahl des Gegenstandes seiner Aufgaben keinen Un-
terschied derAltersstufen ;u kennen. Die pferd-
chen können, gesattelt und ungesattelt, so gut den Zeichcn-
unterricht der Septa durchtraben wie den der Gberprima.
An dieser Hinsicht scheint somit die Führung des Unter-
richtes einsach ;u sein, man muß dic naheliegenden Stellen
;u sinden suchen, von denen Anreize zum Schasfen aus-
gehen, und wird dann die rcchtc Straße nicht vcrsehlen.

Die Liebc des nordischen Menschen zum pscrde gibt
solche Ansähe. Die Schasfenskrast, die durch sie angerufen
werden kann, wird, wenn crst cinmal erweckt, bei dem
crsten Gegenstandc ihrer Aufmcrksamkeit nicht stehen blei-
ben inüffen, sondern ohne weiteres nunmehr den leichteren
Zugang ;u allcm haben, was die sichtbare wclt darbietet,
denn bei der Eroberung eincs neuen Leistungsbezirkes ist
das Entscheidende und Schwerste der Einbruch in
die Grcnzen. Die Begabung, die dazu gehört,
heißt willenskrast.

Dieser Umstand wird gcwöhnlich, auch in der Schule,
viel ;u wcnig bcachtet bei der Einschätzung derer, die mit
ihren überschüffigen Rräftcn Licbhabcreien und Stccken-
pferde, welcher Art sic auch sein mögcn, untcrhaltcn
können.

Am Vorhcrgehcnden ist davön gesprochen worden, wie
aus der vielsach verbrcitcten Vorliebe für das Pferd die
Gestaltung dcs pscrdcs crwachscn und damit dcr Zugang
;um Rciche dcr bildcnden Runst gewonnen werden kann.
Aus der Licbe ;um pferde kann ein edlcs
Steckcnpfcrd cntspringcn, das uns vorwärtstragen
kann, ;ur Erobcrung der uncndlich großen
und schönen sichtbaren w e l t.
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